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26.02.2005

Rapper-Texte sind über 200 Jahre alt

von Thomas Stridde TLZ

Hip-Hop mit Dichters Worten? Christian Weirich sagt: Klar!

Jena. (tlz) Sicher, sagt Christian Weirich, ihm war damals auf der Winzerlaer Regelschule diese allgemeine Teenager-Einschätzung nicht fremd: Friedrich Schiller - langweilig, verstaubt. Jetzt, 22-jährig, sieht er das anders. Und das hat mit der Tatsache zu tun, dass Christian seit sechs Jahren in Jena unterm Künstlernamen "Doppel-U" als Rapper gut bekannt ist. für Senioren zur Erklärung: Rap - Sprechgesang, nicht zu trennen von Hip-Hop; eine Musik, die, so sagt Christian, nun einmal wie nichts zuvor die Kulturindustrie beeinflusst habe. Bei einem Rap-Workshop im "Kassablanca" sei er angesprochen und zum Lese-zeichen e.V. vermittelt worden dort dann das Gespräch mit Dr. Martin Straub und die Idee, Schiller zu verrappen.
Christian rappt immer schon ausschließlich mit eigenen deutschen Texten, mag nicht "den rauhen Hip-Hop, wo sich alle in den Schritt fassen". Er war sofort Feuer und Flamme für Schiller - und ist es geblieben. Auch räumt er ein, dass er viel Sympathie für Schiller hegt, zumal er gerade Rüdiger Safranskis Dichter-Biographie liest: "Der hatte doch die Arschkarte gezogen, musste immer kämpfen. Ärger mit dem Fürst. Immer kein Geld. Krankheit. Da entdeckt man sogar Parallelen - ich hatte mit 20 eine Thrombose..." Sechs Gedichte und Lieder des Meisters hat Christian sich hergenommen - weniger bekannte Sachen: "Der Antritt des neuen Jahrhunderst", "Sehnsucht", "Punschlied", "Im Norden zu singen", "Nadowessiers Totenlied", "Die Gunst des Augenblicks". Hie und da seien nur ganz leichte Anpassungen nötig gewesen, wenn er etwa die Zeile "...lustig sind gefüllt" in "lustig bunt gefüllt" umwandelte. Er sei ehrlich erstaunt gewesen beim ersten Lesen. ,,'Mensch', sagte ich mir, 'da hat jemand schon vor 200 Jahren Raps geschrieben'." Er stelle sich seinen Schiller vor, wie der mit Drei-Tage-Bart am Schreibtisch sitzt und schreibt - und nickt und nickt ... Von jungen
Leuten, sagt Christian, sei er angesprochen worden: "Was hast Du Dir den eingeworfen, dass Du diese Texte machst?" Ein kleiner Höhepunkt für ihn bislang die Lesung zur Buchpremiere von Harald Gerlach im Schillerhaus, wo Christian seine Schiller-Raps vortragen durfte. "Da sah ich zwei ältere Herren mit geschlossenen Augen, mit den Köpfen nickend. Das hat mir schon ein Grinsen ins Gesicht gezaubert." Nun aber hat der Schiller-Rapper volles Programm: Auftritt zu Safranskis Lesung in der " Thalia" nächsten Freitag, sechs Tage später bei einer Lehrerfortbildung, im Juni beim Schaffhausener Schillerfestival. Im Sommer mal eine CD. "Aber alles low gehalten. Nix mit Wahnsinnsproduktion