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09.01.2016

Raniser Stadtschreiber legt Debüt „Der Wundenleser“ vor

von Dietmar Ebert TLZ

Stadtschreiber in Ranis zu sein, das war lange Zeit etwas Besonderes. Erlebnisse am Fuße der Burg Ranis gingen ein in Publikationen des Lese-Zeichen e.V. wie Anja Tuckermanns „Fräulein Moxa“ (2002), André Schinkels „Unwetterwarnung“ (2007) oder Christian Wölleckes „Einer muss der Uke sein“ (2013).

Stadtschreiber in Ranis zu sein, das war lange Zeit etwas Besonderes. Erlebnisse am Fuße der Burg Ranis gingen ein in Publikationen des Lese-Zeichen e.V. wie Anja Tuckermanns „Fräulein Moxa“ (2002), André Schinkels „Unwetterwarnung“ (2007) oder Christian Wölleckes „Einer muss der Uke sein“ (2013).

Nun hat der Lese-Zeichen e.V. eine neue Form der Förderung literarischer Talente auf den Weg gebracht. Junge Autoren, die noch kein eigenes Buch veröffentlicht haben, dürfen mit dem erfahrenen Lektor Helge Pfannenschmidt ein Jahr zusammenarbeiten, zeitweise auf Burg Ranis. Das so entstehende Buch wird dann in der Reihe „Raniser Debüt“ veröffentlicht. Als erster Band dieser Reihe ist im Oktober 2015 Denijen Pauljevics „Der Wundenleser“ erschienen.

Pauljevic stammt aus Belgrad, kam während des Balkankrieges nach Deutschland, lebte vier Jahre in einem Asylheim und studierte in München Slawistik und interkulturelle Kommunikation. Er nahm an Filmworkshops in München und Prag teil und arbeitete an verschiedenen Theater- und Filmprojekten. Gegenwärtig ist er Literaturstipendiat der Stadt München und schreibt an seinem Roman „Mimicria“.

„Der Wundenleser“ ist sein literarisches Debüt. Und das hat es in sich. Der Erzähler gehört als Pfleger der an den Rollstuhl gefesselten Ramona zu den Statisten eines amerikanischen Camps in Bayern, in dem Soldaten mit Blick auf die Alpen in verschiedenen Rollenspielen auf Auslandseinsätze vorbereitet werden. Eine Situation, gleichermaßen wahr und absurd. Immer neue Rollenspiele werden befohlen. Dabei kommt der Erzähler der seinem Schutz anvertrauten, seit einem Autounfall gelähmten Ramona immer näher. Mit ihr hat Pauljevic eine lebenspralle Figur geschaffen. Sie schwankt zwischen Fatalismus, Lebensgier und Liebesbedürftigkeit. Die Rollenspiele im Camp wirken wie aus einem Filmszenarium, die Personen wie Figuren aus einem absurden Theaterstück.

Die treibende Kraft in Denijen Pauljevics „Wundenleser“ ist jedoch der Erzähler. Zunächst glaubt man, er schildere die Situation im Camp und lasse durch Rückblicke die Kindheit und Jugend in Serbien lebendig werden. Doch je mehr die Erzählung voranschreitet, umso mehr verfließen alle Zeit-und Erzählebenen. Erlebtes, Geträumtes, Erinnertes und Halluziniertes verfließen miteinander.

Figuren aus der Vergangenheit tauchen in der Gegenwart wieder auf, werden ineinander gespiegelt. Nichts ist mehr sicher. Dem Erzähler wird der Boden unter den Füßen entzogen, und gerade dadurch wird das Erzählte nur noch spannender. Fast scheint es, als ob ein unsichtbarer Erzähler die sichtbare Erzählerfigur wie eine Marionette an Fäden hält und alle Figuren in eine Art Verwirrspiel hineinreißt. Erst auf der letzten Seite gewinnt der Leser Klarheit.

Ein spannendes Debüt, das zeigt, welche Farbigkeit und Kraft des Erzählens der deutschen Literatur aus der südosteuropäischen Kultur zuwachsen kann.

Denijen Pauljevic: Der Wundenleser. Raniser Debüt 2015 – ein Projekt des Lese-Zeichen e.V., 120 S., 10 Euro