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18.06.2010

Raniser Literaturtage starten mit Malerin Mushiaki und Schriftstellerin Maron

von Peter Cissek Ostthüringer Zeitung

Erst japanische Kunst, danach deutsche Literatur: Auch wenn für das Wochenende Schafskälte angesagt ist, zum Auftakt der Literatur- und Autorentage am Donnerstag auf Burg Ranis konnten die Besucher die Sonnenseite der Globalisierung erleben, stellte Dr. Martin Straub vom Verein Lese-Zeichen fest. Ranis. Die Frau des aktuellen Raniser Stadtschreibers Achim Stegmüller, Sachiko Mushiaki, begeisterte mit ihrer Ausstellung kleinformatiger Gemälde. "Mir gefallen nicht nur die floralen Motive mit transparenten Farben, sondern dass auch Bilder zu sehen sind, die ich nicht unter japanischer Malerei einordnen würde", schwärmte Vernissage-Besucherin Regina Drescher aus Krölpa. Die 32-jährige Künstlerin, die in der alten Kaiserstadt Kyoto japanische Malerei studierte, belässt es nicht bei der traditionellen Abbildung von Blumen, Vögeln und Landschaften. Sachiko Mushiaki verbindet alte Techniken mit neuen: Ihre klassische Malerei, die beispielsweise einen weißen Pfau zeigt, veredelt sie mit einer Collage von Zeitungsausrissen. "Sicherheit der Gegend gewährleisten", heißt es auf japanisch in der Zeitungsüberschrift, die neben dem Anfang Juni zurückgetretenen Ministerpräsidenten Yukio Hatoyama prangt.

Fremd und verloren in einer anderen Welt wie Amerikaner in Tokio im Film "Lost in Translation" komme sie sich hier keineswegs vor: "Ganz im Gegenteil. Ich genieße Deutschland und seine toleranten, kunstinteressierten Einwohner", sagte sie der OTZ. Sachiko Mushiaki hat sogar die Industrielandschaft von Duisburg, wo sie mit ihrem Mann hauptsächlich lebt, als Motiv für mehrere klassische japanischen Malereien entdeckt.

Neues an einem traditionellen Industriestandort gewagt haben auch die Menschen, über die Monika Maron in der folgenden Buchlesung berichtete. Die Meisterin der literarischen Reportage las zuerst Passagen aus ihrem 1981 nur im Westen erschienenen Debütroman "Flugasche", in dem sie Bitterfeld als schmutzigste Stadt Europas beschreibt, und danach aus ihrem aktuellen Werk "Bitterfelder Bogen". Das ist ein Aussichtspunkt, von dem man die neu entstandene Kultur- und Seenlandschaft überblickt. Die 69-Jährige berichtete von den positiven Veränderungen in der Stadt, von Einheimischen, denen nach dem Niedergang der Chemieindustrie ein Neuanfang gelungen war, obwohl sie anders als manche solvente Westler den Betrieb von der Treuhandanstalt nicht für eine symbolische, sondern für eine Million Mark kaufen durften, keine großzügige Förderung und von den Banken anfangs auch keinen Kredit bekamen. Marons Lesung war ein Plädoyer für Menschen, die Mut haben und das Risiko nicht scheuen. Ihr Motto "Man muss im eigenen Leben immer wieder neu anfangen" adaptierte der langjährige Lese-Zeichen-Chef Dr. Martin Straub gleich für die Literatur- und Autorentage. "Diese wagen immer wieder etwas Neues, um die ausgefahrenen Gleise zu verlassen."