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11.10.2015

„Raniser Debüt“ erlebt Premiere: Bisherige Autorenförderung wird weiterentwickelt

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Denijen Pauljevic präsentiert stolz sein Buch „Der Wundenleser“, das erstmals in der neuen Reihe „Raniser Debüt“ erschienen ist. Die Buchpremiere mit Lesung fand am ­Donnerstag in Ranis sowie am Freitag in Jena statt. Foto: Mario Keim

Ranis. Denijen Pauljevic ist sichtlich gerührt. „In der Zeichnung auf dem Buchcover habe ich sofort den Stil meines ­verstorbenen Vaters wiedererkannt. Auch er war Künstler. Ich bin angenehm überrascht“, sagte der Münchner am Donnerstagabend in Ranis nach der Präsentation seines Buches „Der Wundenleser“. Die Grafik auf dem Titel stammt von Andreas Berner aus Wurzbach, der zugleich Vorsitzender des Vereins Lese-Zeichen e.V. ist.

In jeder Hinsicht war die Buchpräsentation auf der Raniser Burg etwas ganz Besonderes, löst doch die Reihe „Raniser Debüt“ die bisherige Autorenförderung ab. „Mit dem Stadtschreiber haben wir in Thüringen Neuland betreten. Ranis war die erste Stadt, die solch ein Stipendium ausgeschrieben hat. Inzwischen gibt es bundesweit Stadtschreiber wie Sand am Meer“, sagte zur Einführung Ralf Schönfelder vom gast­gebenden Verein Lese-Zeichen. Das „Raniser Debüt“ sei somit die Weiterentwicklung der bisherigen Autorenförderung in der Stadt und beispielgebend für ganz Deutschland, weil sich ­Autoren bewerben könnten, die noch keine eigene Publikation hätten und ein eigenes Buch veröffentlichen könnten. Geblieben ist der Förderer: Auch in Zukunft kommt die Kreissparkasse Saale-Orla für die Kosten auf.

„Der Wundenleser“ überzeugte Jury

Unter den 120 Bewerbungen, die im Sommer 2014 eingegangen waren, wurde Denijen Pauljevic ausgewählt. Seine 30 Manuskriptseiten als Anfang des Werkes „Der Wundenleser“ überzeugten die Jury, darunter Verlagslektor Helge Pfannenschmidt aus Dresden. „Bei ihm ist Leben drin, da ist etwas ganz Großartiges in den Dialogen. Man erkennt in seiner Schreibweise eine solche Lebendigkeit, die man nicht so oft antrifft“, bescheinigte der Lektor Pauljevic, den er aufgrund seiner umfangreichen Tätigkeit für Film- und Theaterprojekte als „unfassbar vielseitig“ beschrieb. Dennoch ist das Buch „Der Wunden­leser“, das am Donnerstag erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde und am Freitag in der Villa Rosenthal in Jena vorgestellt werden sollte, sein erstes Prosawerk.

Darin beschreibt der gebürtige Serbe, der 1992 im Alter von 18 Jahren im Zuge der Jugoslawienkriege als Kriegsflüchtling nach Deutschland kam, die Arbeit eines realen amerikanischen Armeestützpunktes in Deutschland, an dem so genannte Statisten aus der Bevölkerung noch heute für die Dauer von ­etwa drei bis fünf Wochen teilnehmen können.

Erinnerung an Jugend in Serbien

Hinter den Toren eines solchen Armeestützpunkts betritt der Erzähler in Pauljevics Geschichte eine sonderbare Parallelwelt. Der Hauptakteur serbischer Herkunft gehört zu den Statisten einer militärischen Übung, mit der Soldaten auf ihren Auslandseinsatz vorbereitet werden. Mal stellt er einen Bürgermeister dar, mal einen Heckenschützen. Während er in immer neue Rollen schlüpft, erinnert er sich an seine Jugend in Serbien, an Gewalt, Drogen, den Krieg. Welche Person der „Wunden­leser“ sei, ließ der Gast in der Lesung vor den 20 Zuhörern offen.

Das Buch sei kein autobiografisches Werk, stellte Helge Pfannenschmidt in seiner Moderation klar. „Es sind höchstens autobiografische Züge dabei, aber nur andeutungsweise“, ergänzte der Verfasser. Dabei habe er eine Freundin, die in dem Camp als „Statistin“ mitgemacht habe. Er kenne ein solches Lager aus eigenem Erleben nicht, sagte der gebürtige Belgrader, der in München Slawistik und interkulturelle Kommunikation studiert und die Drehbuchwerkstatt an der Hochschule für Fernsehen und Film in München absolviert hat.

Seit 2013 ist der 41-Jährige für Konzeptentwicklungen beim vor 20 Jahren gegründeten Verein Hilfe von Mensch zu Mensch e.V. tätig und beschäftigt sich dort in der bayerischen Landeshauptstadt mit kultureller Bildung für Flüchtlingskinder. Über seine Arbeit als Flüchtling sprach er auch am Donnerstag in Ranis. „Ich hatte eine friedliche Kindheit und ging aufs Gymnasium. Jugend und Party war mein Leben. Wir dachten immer, der Krieg sei woanders. Ich habe mich als Belgrader gefühlt, nicht als Jugoslawe.“ 1992 reiste er nach Ausbruch des Krieges als Tourist nach München, wollte dann in Prag studieren und kam wieder zurück nach München. Den Bezug zu Serbien habe er aber weitest­gehend verloren, weil er als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer viele Jahre nicht in sein früheres Heimatland einreisen durfte, ihm dort vielmehr Gefängnis drohte. Auch die Familie und viele Freunde waren in den Krieg eingebunden.

In dem amerikanischen Camp, das Schauplatz seines Buches ist, werde Krieg zwar nur gespielt, doch dieses Thema lässt den Autor nicht mehr los.

Nach dem gelungenen Einstand des Münchners in Ranis zeigte sich Ralf Schönfelder „sehr stolz auf die geleistete Arbeit“, die der Autor und sein Lektor gemeinsam abgegeben hätten.

„Dank Helge habe ich sehr viel gelernt“, so Pauljevic, der im Juni und im Juli jeweils eine Woche in einer Autorenwohnung auf der Burg gearbeitet hatte und dort an seinem Manuskript schrieb, das er im Juli vollendete.