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02.10.2017

Ralf Schönfelder stellt sein Lieblingsbuch vor

von Marcus Pfeiffer Ostthüringer Zeitung

Ralf Schönfelder vom Lesezeichen eV. Sein Lieblingsbuch ist Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Foto: Marcus Pfeiffer

Ranis. „Ein irres Programm haben die“, dachte sich Ralf Schönfelder, als er auf den Kultur- und Kunstverein Lese-Zeichen mit festem Standbein auf Burg Ranis stieß. Heute arbeitet er dort.

Der 34-jährige Geraer hat einen verschlungenen Lebensweg hinter sich, wie er sagt. Er studierte Dramaturgie in Leipzig, lebte in der niedersächsischen Provinz, schlug sich als Lektor durch und fand den Weg zurück nach Thüringen, dem grünen Herzen Deutschlands. Da passt es auch ganz gut, denn er sagt: „Ich lese gern in Parks. Und irgendwann während meines Studiums muss ich wohl im Clara-Zetkin-Park in Leipzig Michail Bulgakow gelesen ­haben.“ Dort verschlang Ralf Schönfelder zum ersten Mal sein Lieblingsbuch – „Der Meister und Margarita“.

Von der sächsischen Metropole aus verschlug es ihn ins niedersächsische Gifkendorf. „An der Theaterbühne sah ich mich nicht auf Dauer“, erklärt Schönfelder. „Literatur bewegte mich mehr, besonders die abseitige. Deshalb begann ich, beim Merlin-Verlag zu arbeiten.“ Das Familienunternehmen wagte unter anderem in den 1960ern Unerhörtes – Marquis de Sade zu verlegen. Sex und Gewalt also. Das rief die Justiz schnell auf den Plan und bewirkte doch das Gegenteil: Werbung und Aufmerksamkeit. „Der Verlag schrieb damit Geschichte“, grinst Schönfelder.

Der Liebe wegen hörte er in der Fremde wieder auf und kehrte nach Thüringen zurück. Doch geschriebene Wörter ließen ihn nicht mehr los. „Ich stieß hier auf eine lebendige Literaturszene und engagierte mich im Verein Lese-Zeichen.“ Er machte sich schnell einen Namen und bekam von der Vereinsvorsitzenden Uta Utzelmann ein unschlagbares Angebot: Als Projektmanager auf Burg Ranis zu arbeiten. Auch hier kommt er nun mit mehr oder weniger abseitiger Literatur in Kontakt, die durchaus Brücken schlägt zur Kunst oder Musik.

Das erste, was Ralf Schönfelder zu Bulgakows „Der Meister und Margarita“ einfällt, ist der Vergleich zu einem Lied der Rolling Stones: „Sympathy For The Devil“, zu deutsch: Sympathie für den Teufel. „Das Lied erklärt das Buch ausgezeichnet, denn es taucht immer wieder ein Wesen auf, dass nicht von dieser Welt ist. Es stiftet Chaos, Verwirrung und beeinflusst die anderen handelnden Personen. Es ist frech, aristokratisch, gebildet. Es ist nicht das Böse und trotzdem der Teufel – und erweckt damit Sympathien“, versucht der 34-Jährige den strippenziehenden Akteur des Romans, den Magier Voland, in Worte zu fassen. Nicht zufällig erinnert diese Figur an Johann Wolfgang von Goethes „Faust“: Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft.

Es steckt immens viel in der Erzählung, die Bulgakow im Zeitraum von 1928 bis 1940 schrieb – einer Zeit voller Umbrüche, Ängste und Repressalien. Der Roman schildert in einer allegorischen, witzigen und satirischen Weise das Leben im damaligen Moskau. Und das schien kein Zuckerschlecken gewesen zu sein. In der atheistisch-stalinistischen Sowjetunion herrschten Willkür, Gier, Bürokratie, Überwachung und Wohnungsnot. „Das beschreibt das Buch so vortrefflich und vollumfänglich. Es ist lustig und unterhaltsam – und doch ernst und traurig. Wahnsinn!“, meint Schönfelder begeistert. „Für mich ist es zeitlose Weltliteratur. Und ja, ich verstehe die Welt durch dieses Buch besser!“

Warum heißt es „Der Meister und Margarita“? Schönfelder: „Das erklärt sich ganz einfach, auch wenn es auf den ersten Blick keinen Bezug gibt, aber der Hauptprotagonist, der erst nach ungefähr einem Drittel des Buches auftritt – ein namenloser Schriftsteller –, nennt sich ‚Der Meister‘. Er hat seinen Namen vergessen, aber eine verflossene Geliebte, Margarita, nannte ihn einst so.“ Der Meister ist erfolglos, subversiv und gesellschaftskritisch – und von der Zensur und Kritik gebeutelt. Ein Ebenbild von Michail Bulgakow, dessen „Meister und Margarita“ jahrzehntelang in Russland nur gekürzt erhältlich war, weil es den Herrschern gefährlich ­erschien.

Ein Leichtes dagegen ist es, Ralf Schönfelder auf Burg Ranis zu besuchen, zum Beispiel zu den monatlichen Lesungen, die er organisiert. Die nächste findet schon in wenigen Tagen statt.