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28.01.2003

"Wir selbst sind das Schicksal"

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar/Buchenwald. (tlz) "Ein bisschen möchte ich noch leben ... in diesem schönen Konzentrationslager." Welche Ungeheuerlichkeit schwingt in jenem Satz, mit dem der Literatur-Nobelpreisträger und ehemalige Buchenwald-Häftling Imre Kertesz gestern seine Lesung im Kinosaal der KZ-Gedenkstätte auf dem Ettersberg beschloss. Leben, Konzentrationslager und Schönheit - wie geht das zusammen? Und was ist das für ein Roman, in dem Kertesz, der als Junge die Hölle von Auschwitz und Buchenwald überlebt hat, selbst erfahrenes Grauen rückblickend mit Neugier, Witz und Lebensfreude paart?

Der ungarische Romancier nahm gestern auf Einladung des Thüringer Landtages und der Landesregierung am Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus teil. Der Anlass: Vor 58 Jahren hatte die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz/Birkenau befreit. Von jenem Zeitpunkt an war Buchenwald mit etwa 110 000 Häftlingen das größte noch bestehende nationalsozialistische KZ gewesen. Und einer von annähernd 21 000, die seine Befreiung am 11. April 1945 erlebten, war der junge Kertesz.

Gedenkstätten-Leiter Volkhard Knigge hatte angeregt, die Veranstaltung nicht am Deutschen Nationaltheater in Weimar auszurichten. "Wir wollten es uns nicht bequem machen und dem Ort, an dem so viele Menschen aus ganz Europa entwürdigt, gedemütigt, gequält und umgebracht worden sind, nicht ausweichen", erklärte der Historiker. Folgerichtig wich er vom Protokoll ab und hieß als erstes die ehemaligen Häftlinge der KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora willkommen.

Nach Knigge wandten sich mit der Landtagspräsidentin und dem Ministerpräsidenten Vertreter zweier Politikergenerationen an die Anwesenden und Zuschauer der live im MDR-Fernsehen übertragenen Gedenkveranstaltung. Christine Lieberknecht warnte vor einem "Rückfall in Unmenschlichkeit und Rassenwahn" und richtete ihre Hoffnung auf die einzigartigen Möglichkeiten der Kunst, die Erinnerung an die Barbarei wach zu halten.

Mut zum Widerspruch

Bernhard Vogel forderte Mut zum Widerspruch und die Bereitschaft, schon den Anfängen extremistischer Tendenzen entgegenzutreten, ehe er Kertesz zitierte, der in seinem bekanntesten Buch, dem "Roman eines Schicksallosen", feststellt: "Wenn es ein Schicksal gibt, dann ist Freiheit nicht möglich. Wenn es aber die Freiheit gibt, dann gibt es kein Schicksal. Das heißt also, wir selbst sind das Schicksal."

Es scheint geboten, bei diesem Schlüsselsatz zu verweilen, da die Kunstform, die der Autor wählte, um seine Holocaust-Erlebnisse zu verarbeiten, sonst nicht verständlich wird. Der 15-jährige Ich-Erzähler des Romans bleibt noch lange nach seiner Deportation als Judenkind nach Auschwitz naivem Glücksstreben und Menschenvertrauen verhaftet, ehe er sich am Ende seiner Lagerodyssee als Schicksalloser begreift. Diese Radikalität, die Welt eines Konzentrationslagers "arglos" und mit jugendlicher Neugier zu "betrachten", besiegelte auch das Schicksal des Buches. Zwischen 1960 und 1973 geschrieben, durfte der Roman zwar 1975 in Ungarn erscheinen, doch sein Autor wurde in der Folgezeit totgeschwiegen. Nicht minder brisant, dass die deutsche Übersetzung gar erst 1995 herausgekommen ist, sieben Jahre bevor Kertesz - für viele noch immer überraschend - den Nobelpreis erhielt.

"Der Holocaust ist ein Zustand, der noch nicht zu Ende ist", sagte der Autor, der gestern das Kapitel seiner Ankunft in Buchenwald las. Ein Stück so ergreifender wie verstörender Prosa. Mit eitrigen Wunden wird der Junge von Auschwitz in das Lager auf dem Ettersberg gebracht, wo er dem Tod im wahrsten Sinne des Wortes vom Karren "fällt". Voller Dankbarkeit berichtet der Ich-Erzähler von seinem Glück, wie ihn inmitten von Qual und Sterben der "Duft der Kohlsuppe" ins Leben zurück holt.

Kert-sz´ mit zwei weiteren Romanen zur "Trilogie der Schicksallosigkeit" zusammen gefasstes Hauptwerk folgt einer besonderen Ästhetik und lässt sich mit einem Roman wie Bruno Apitz´ "Nackt unter Wölfen" nicht vergleichen. Radikale, bis ins Schelmenhafte gesteigerte Subjektivität und Empfindsamkeit sowie ein mehrfach gebrochenes Erzählen ersetzen den "allwissenden" Erzähler. Imre Kertesz war sichtlich bewegt, als er mit seiner Ehefrau Magda auf dem Appellplatz des ehemaligen KZ Blumen für die Opfer niederlegte.