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09.02.2013

Punks im Osten: Der "Unrat auf den Straßen"

von Sabine Gottfried In Südthüringen

Klartext über das Lebensgefühl missliebiger, bespitzelter jugendlicher Punks im Osten redete der Szenekenner Frank Willmann. Weil die Bibliothek absagte, fand das Thema in der "Jugendschmiede" statt.

Suhl - Eingeladen hatten die Landeszentrale für politische Bildung, die Außenstelle Suhl des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen und dessen Thüringer Landesbeauftragte. Bei Außenstellenleiterin Monika Aschenbach und dem Herausgeber der Anthologie, Frank Willmann, saß die Wut noch tief. Denn die Suhler Stadtbücherei hatte die zuerst zugesagte Veranstaltung kurzfristig wieder gecancelt. Solch ein Thema passe "nicht ins Profil", dessen Interessenten seien "nicht die Klientel" der Bücherei. "Eine linke Nummer" war das in den Augen von Willmann, zumal die Landesbeauftragte das Thema der als "negativ-dekadent" gebrandmarkten und verfolgten DDR-Punks und -Hippies als wichtigen Bildungsauftrag sehe.

Bunt rumgehopst

In der "Jugendschmiede" fühlte sich die "Klientel" sehr gut, etliche Ältere darunter, die ziemlich genau kannten, wovon hier die Rede war, und viele Jüngere, denen der spannende Donnerstagabend ein Erkenntnisgewinn war. Zumal aus dem Munde des betroffenen 49-Jährigen, der mit 16 schon aus dem Zug gezerrt wurde, nur weil er "bunt rumgehopst" ist.

Mit einer Portion Härte und Trotz zitierte Willmann denn auch aus den Punkgeschichten von Leuten, die mittendrin waren, skizzierte das Panorama des Lebensgefühls einer unangepassten Subkultur gegen die "angepasste Trottelmühle" im Arbeiter- und Bauerstaat zwischen Stralsund und Sonneberg. "Als Punk zu leben, war freiheitsgefährdend", wird im Buch "Leck mich am Leben" (Verlag Neues Leben) mit authentischen Geschichten im authentischen, kräftigen Jargon belegt.

"Aber die hielten zusammen wie die Musketiere", berichtete Frank Willmann über seine "alten Freunde" besonders in den ersten Punkbands, über die ehemaligen "Staatsfeinde", die von anständigen Bürgern zumindest schief angesehen wurden. "Disteln mit spitzen Zacken dran", wie es bei der Band "Schleimkeim" heißt, "Elemente mit Indianerfrisur", wie sich Stasiberichte in der Beschreibung versuchten, hätten sich ab 1977 vereinzelt auf den Straßen gezeigt oder im Schutzraum evangelischer Kirchen getroffen. Bis 1983, berichtet das Buch, hätten sich Punkgemeinden um die "Keller-Bands" geschart. "Sie versuchten, ihr Anderssein zu leben. Denn wenn dich Neugier, Freiheitsdrang und Abenteuerlust überfielen, war die DDR ein schlechtes Pflaster."

Westliche Musikkassetten-Kassiber erreichten schnell ein breites Publikum, sodass der Staatssicherheitsdienst schließlich 900 DDR-Punks registriert habe, dazu noch 1076 Skinheads, alle mittels der Paragrafen über "Beeinträchtigung öffentlicher Ordnung und Sicherheit" und "staatsfeindliche Hetze" bespitzelt und verfolgt. Allein in einem Jahr seien fünf von 17 Punkbands aufgelöst worden.

Musiker als IM geworben

Unter den Musikern habe die Stasi gezielt IM zu gewinnen versucht - mit Erfolg, wie Willmann weiß, von dessen eigener Observierung er noch bis vor drei Jahren erfuhr. Als ausgewiesener Kenner des ostdeutschen Fußballs erlebte er auch den "Ausbau eigenen Freiraums", den Punks und Hools auch im unorganisierten Fußball suchten.

Erste Platten und Filme Ende der Achtzigerjahre seien zu spät gekommen, resümierte Frank Willmann. Längst hätten auch Intelligenzler und Künstler in Punkkreisen ihre Ausdrucksmöglichkeiten gefunden. Weswegen Stasichef Mielke unmissverständlich anordnete, "die Straßen vom negativen Unrat zu säubern". "Subkulturellen Gruppierungen" wurden fünf Prozent der DDR-Jugendlichen zugeordnet, auch in Jena, Weimar, Erfurt und anderen Thüringer Städten, wofür es im Buch Beispiele gibt. Die Diskussion darüber, was die Wende mit ihnen machte, kam leider zu kurz am Donnerstagabend. Lohnendes Thema vielleicht eines nächsten Abends für die interessierte "Klientel" im passenden "Profil" der Suhler Jugendschmiede.

Autor Frank Willmann

Geboren 1963 in Weimar, 1984 nach Westberlin ausgereist, lebt heute in Berlin

Neben einigen Prosa- und Lyrikbänden veröffentlichte er gemeinsam mit Jörn Luther, ebenfalls aus Weimar, Bücher über den 1. FC Union Berlin; war viele Jahre Spieler bei Motor Weimar, Traktor Kromsdorf, Empor Weimar und Cosmic Kalaschnikow

Im Verlag Neues Leben mehrere erfolgreiche Bücher zum Thema Fußball, darunter "Stadionpartisanen - Fans und Hooligans in der DDR" (2007) und zuletzt "Zonenfußball - Von Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen" (2011)

Mitautor einer Geschichte über die DDR-Punkband "Schleimkeim" 2008; Herausgeber der Anthologie "Leck mich am Leben - Punk im Osten" 2012

Neuerscheinung 2013 "Stadionpartisanen nachgeladen" über Fußballfans und Hooligans in der DDR

- derzeit regelmäßige Sportkolumnen.

 

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