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09.11.2007

Psychische Verheerungen

von Ulrike Merkel Ostthüringer Zeitung

Der österreichische Autor Thomas Glavinic liest am Sonnabend im Jenaer Volkshaus

Thomas Glavinic hat es mit seinem Buch "Das bin doch ich" auf die auserlesene Favoritenliste des Deutschen Buchpreises geschafft, die sogenannte Shortlist. In seinem Roman erzählt er von einem Autoren namens Thomas Glavinic, der hofft, dass ihm mit seinem neuen Werk endlich der Durchbruch gelingt. Zum Lesemarathon liest der Wiener Autor am morgigen Sonnabend um 19.30 Uhr im Jenaer Volkshaus.
Herr Glavinic, wie viel Wirklichkeit steckt in Ihrem Buch?

Ich verstehe schon, dass die Leute neugierig sind, aber so blöd werd´ ich sein, und dann auch noch hergeh´n und sagen, okay, das stimmt und das nicht. Mir ging es ja gerade um ein Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit.

Ihr Name klingt jugoslawisch, haben Sie Ihre Wurzeln auf dem Balkan?

Mein Vater war Gastarbeiter in Österreich. Er ist serbokroatisch.

Zu Hause wurde also nicht deutsch gesprochen?

Doch, doch. Meine Eltern haben sich sehr früh getrennt. Ich bin in Graz bei meinen Großeltern aufgewachsen. Sie sprachen allerdings einen starken österreichischen Dialekt, dass ich die deutsche Sprache quasi trotzdem lernen musste. Mein Vater ist inzwischen Deutscher. Mit ihm hatte ich nie viel zu tun. Deswegen kann ich auf serbokroatisch nur recht gut fluchen oder Getränke und Essen bestellen.

Im Buch machen Sie sich über den Literaturbetrieb lustig, was nervt Sie an der Branche?

Der Literaturbetrieb kommt nur am Rande vor. Es geht um völlig andere Dinge, um Angst und Verletzlichkeit, um Alltagswahnsinn und Familie und darum, was man tut, wenn der beste Freund, der den gleichen Job hat, plötzlich berühmt wird.

Wie sind Sie auf die Buchidee gekommen?

Als ich den Roman "Die Arbeit der Nacht" nach drei Jahren fertig hatte, habe ich nach ein paar Tagen gemerkt, ich werde wahnsinnig. Man weiß da einfach nicht, was man mit seinen Hände anfangen soll. Das ist so, als würde man mit dem Rauchen aufhören. Bei mir ist das schon mit einigen psychischen Verheerungen einhergegangen.

Welchen?

Das habe ich ja im Buch beschrieben. Der Kerl wartet auf einen Verlag, der sein Buch veröffentlicht. Und er ist schlecht im Warten. Deshalb macht er jeden Nachmittag eine Flasche auf.

Da haben Sie lieber einen neuen Roman begonnen.

So ungefähr. Ich habe eine Skizze über meinen Alltag geschrieben und stellte dabei fest, wenn man jetzt von Thomas Glavinic weg geht zu einer Figur Thomas Glavinic, die man richtig aufs Korn nimmt, dann hat man eine wunderbare Romanidee. Das ist eh das Schlimmste an den meisten Tagebüchern, dass die Menschen sich immer sehr gut darstellen wollen.

Freuen Sie sich als Österreicher auf die Fußball-EM im eigenen Land?

Nein. Ich habe schon gebucht, ich bin im Juni 2008 in Rom. Ich kann nur hoffen, dass Italien nicht Europameister wird. Dann komme ich vom Regen in die Traufe. Obwohl, zumindest erleb´ ich das dann mal mit. Das ist ja auch wieder interessant.

Sie flüchten extra aus Wien?

Ich habe keine Lust darauf, dort zu sein, wenn die Stadt voller Wahnsinniger ist, die sich auf der Straße betrinken und sich dann eventuell die Schädel einschlagen.

Sie sind Fußball-Hasser?

Mich interessiert Fußball schon, aber auf einem hohen Niveau. Österreichischer Fußball fällt da schon mal aus.

Von welchem Club sind Sie Fan?

Ich finde Fußballfans sind Leute, die kein eigenes Leben haben.

Ist es für einen österreichischen Autoren finanziell lebensnotwendig, auch in Deutschland Erfolg zu haben?

Markttechnisch schon. Mir ist es aber auch persönlich wichtig. Die Österreich-Huberei mancher Schriftsteller geht auf die Nerven. Außerdem ist man als deutschsprachiger Autor ein Autor für 100 Millionen Leute, nicht nur für die acht Millionen Österreicher, von denen die Hälfte eh nicht lesen kann.

Warum hassen österreichische Autoren so oft ihr Land?

Das ist ein Land, das von einer Kulturfeindlichkeit geprägt ist.

Aber was ist mit den großen Komponisten und Autoren?

Reden Sie mal mit den Leuten auf der Straße. Man wird in Österreich als Autor eher mit Verachtung gesehen. Je kleiner das Land, desto schlimmer ist das. Aber ich will mich literarisch gar nicht mit Österreich beschäftigen. Mich interessieren Dinge, die die Leute auf der ganzen Welt interessieren: Liebe, Tod, Hass, Eifersucht.