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05.11.2007

Provinz und Weitläufigkeit

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Der Schriftsteller Ingo Schulze erhielt gestern den Thüringer Literaturpreis

Von Annerose Kirchner Im Alten Leipziger Rathaus eröffnete Ingo Schulze vergangene Woche die "Leipziger Poetikvorlesungen mit einem sehr persönlichen Werkstattbericht über seinen Weg zum etablierten Schriftsteller. Das Publikum dankte für die lockere und selbstironische Bilanz mit langem Applaus. Gegenwärtig pendelt der 44-jährige Autor als Stipendiat der Villa Massimo in Rom zwischen seinen Auftrittsorten in Deutschland, Italien und in der Schweiz.
Gestern war Zwischenstopp in Weimar. Im Saal des Musikgymnasiums Schloss Belvedere nahm Ingo Schulze den von der Literarischen Gesellschaft Thüringen verliehenen Thüringer Literaturpreis entgegen. Seit 2005 werden alle zwei Jahre mit dieser Auszeichnung zeitgenössische Autoren, deren Werk einen Bezug zu Thüringen aufweist, geehrt. Das Preisgeld in Höhe von 6000 Euro stiftet die E.ON Thüringer Energie AG, die, wie Erich Böhm, vom E.ON-Vorstand unterstrich, ein umfangreiches Engagement der Kulturförderung betreibt und auch die wohl einzigartige Buchreihe "Edition Muschelkalk unterstützt.

Die Jury unter Vorsitz von Dr. Wulf Kirsten entschied sich für den aus Sachsen stammenden und seit 1993 in Berlin lebenden Ingo Schulze, weil sein literarisches Werk "von hoher Erzählkunst zeugt . Schulze ist nach Sigrid Damm der zweite Preisträger. Sein bisheriges Werk wurde mit zahlreichen Auszeichnungen, darunter mit dem Döblin-Preis, bedacht. Ingo Schulze studierte in Jena klassische Philologie und ging 1989 nach Altenburg, wo er am Theater als Dramaturg arbeitete und sich im "Neuen Forum engagierte. In der ehemaligen Residenzstadt versuchte er sich als Verleger und Herausgeber von Wochen- und Anzeigenblättern. 1993 ging er nach St. Petersburg und gab dort ebenfalls ein Anzeigenblatt heraus. Die Newa-Stadt wurde Schauplatz des Debütbandes "33 Augenblicke des Glücks , der sofort bei Lesern und Kritikern auf positive Resonanz stieß.

"Wie für viele Menschen war der friedliche Umbruch 1989/90 auch für Inge Schulze ein einschneidendes Erlebnis , sagte Kulturstaatssekretär Prof. Dr. Walter Bauer-Wabnegg in seiner Gratulation und verwies auf den engen Zusammenhang von Biografie, Zeitgeschichte und Literatur in Schulzes gefeiertem Roman "Neue Leben . Die Verlegerin Elisabeth Ruge vom Berlin Verlag erinnerte an ihre erste Begegnung mit dem jungen Autor in ihrem jungen Verlag. Für sie ist Ingo Schulze "ein Autor, der weiß was er will und "der das Handwerkliche der Schriftstellerei sehr ernst nimmt.

Die Laudatio hielt Prof. Dr. Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der "Süddeutschen Zeitung . Unter dem Titel "Der Teufel in Thüringen. Ingo Schulze und die deutsche Provinz schlug er den Bogen von einer einstmals in Kleinstaaterei zerteilten Kulturlandschaft mit der alten Hauptstadt Weimar bis zur Bedeutung der Provinz als literarischer Raum. Er würdigte die "Geschichten aus der ostdeutschen Provinz, die Ingo Schulze erzählt, und es sind nicht zuletzt Thüringer, die er in ihnen herumlaufen lässt , in Jena, in Altenburg. Der Briefroman "Neue Leben mit Hauptschauplatz Altenburg sei der wichtigste deutsche Roman "der vergangenen Jahre, dick wie ein Ziegelstein, klug wie Doktor Faustus im letzten Augenblick vor seinem Wahn, abgründig wie das Lächeln Günter Netzers[...].

Ingo Schulze hielt keine artige Dankesrede, sondern vermerkte kritisch, wie der Staat seine Verantwortung für die Kultur abgibt. "Ich fragte mich, warum das Land Thüringen in seinem Kulturhaushalt nicht monatlich 250 Euro beiseite legt, um dann alle zwei Jahre einen Literaturpreis zu vergeben." Für Erstaunen und kontroverse Diskussionen noch lange nach der Preisverleihung sorgte Ingo Schulzes Vorschlag, sein Preisgeld als Stipendium für einen ausgewählten Schriftsteller zur Verfügung zu stellen.