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06.11.2002

PROTEST

von Wulf Kirsten TLZ

Im Wortlaut: Weimar darf nicht zum Negativ-Vorbild werden

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Überall in der reichen Bundesrepublik Deutschland werden die Mittel für öffentliche Aufgaben knapp. Eine flächendeckend anhaltende, sich rapid verschärfende Finanzmisere, die zu immer drastischeren und rabiateren Streichorgien (ver-)führt, schlägt am empfindlichsten im Bereich Kultur zu und durch.Eine Kulturstadt wie Weimar - wurde sie tatsächlich vor drei Jahren zur Kulturstadt Europas erhoben? - treffen diese rigiden Einschnitte weit empfindlicher als andere Kommunen. Extrem empfindlich deshalb, da die Existenz der Stadt Weimar auf Kultur als wichtigsten Wirtschaftsfaktor gründet. Die bereits zur Debatte stehenden Mittelkürzungen und die daraus resultierenden Verteilungskämpfe fordern zum massiven Protest heraus. Wir wollen nicht stumm zusehen, wie Weimar zu einem abschreckenden Modellfall mutiert. Die Verantwortlichen graben der Stadt das Wasser ab. Existenziell unverzichtbare Einrichtungen und die mit ihnen symbiotisch verbundenen Hotels, Restaurants wie alle auf den Tourismus ausgerichteten Geschäfte sind davon betroffen. Die angekündigten Beschlüsse münden in pure Selbstzerstörung. Es müssen sinnvolle Kompromisslösungen erreicht werden.Die Frage darf nicht lauten: Was können wir uns noch leisten, sondern worauf können wir nicht verzichten? Was einmal wegretuschiert wurde, lässt sich so leicht nicht wieder installieren.Die Stadt steht in der politischen Verantwortung für alle Bürger wie auch für nachfolgende Generationen. Wozu wurde eine Kulturstadt GmbH gegründet, um die Kultur der Stadt zu vermarkten, wenn es künftig gar nichts mehr zu vermarkten gibt?! Als erstes Bauernopfer steht die Kunsthalle am Goetheplatz bereits zur Disposition. Die Mal- und Zeichenschule soll folgen.Bald öd und armDem von 1987 bis 1999 neu aufgebauten Stadtmuseum und der neu konzipierten Dauerausstellung stehen Kürzungen in wahnwitzigen Größenordnungen ins Haus, aus denen sich leicht ablesen lässt, dass es dieses unverzichtbare Museum in zwei bis drei Jahren nicht mehr geben wird, wenn weiterhin so verfahren wird wie geplant. Schon jetzt ist der Fortbestand gefährdet angesichts zu gewärtigender reduzierter Öffnungszeiten, des damit verbundenen Stellenabbaus, der Einschränkung von Veranstaltungen, Infragestellung der "Weimarer Schriften"-Reihe. Das Stadtmuseum, in 100 Jahren Sammeltätigkeit gewachsen, gibt Auskunft über 1000 Jahre Geschichte der Stadt. Wie das ihr angegliederte Stadtarchiv gehört das Museum zum Gedächtnis der Stadt. Bereits jetzt mussten vereinbarte Ausstellungen abgesagt werden. Die Stadt beschert sich mit diesem kulturzerstörerischen Reduktionismus eine nicht wieder gut zu machende Verarmung und Verödung, die zur Selbstaufgabe führt. Geschlossene Einrichtungen eliminieren kulturpolitisch und kulturgeschichtlich eminent wichtige Begegnungsmöglichkeiten.Schon in der Antike war bekannt, wo die Kultur endet, beginnt die Barbarei. Dazwischen liegt das Nichts. Dieser Fundamentalsatz hat an Wahrheitsgehalt kein Jota eingebüßt. Die Erstunterzeichner sind sich der historischen Tragweite des eingeleiteten Kulturbruchs bewusst und rufen alle Bürgerinnen und Bürger auf, die sich mit der Kultur der Stadt Weimar identifizieren, sich unserem Protest anzuschließen.

Wulf Kirsten Schriftsteller, Träger des Weimarpreises 1994
Horst Peter Meyer Maler und Grafiker
Prof. Dr. Walter Steiner Geologe, Museumsdirektor i. R.
Walter Sachs Bildhauer und Grafiker, Träger des Weimarpreises 1999
Dr. Martin Straub, Geschäftsführer Lese-Zeichen e.V.