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11.10.2007

Produktive Unruhestifter

von Frank Quilitzsch TLZ

Schriftsteller mit Theater- und Kabarettvergangenheit: Matthias Biskupek lässt die DDR-Provinzbühne aufleben.

Rudolstadt. (tlz) "Eine moralische Anstalt - Roman mit richtigen Requisiten, letzten Vorhängen und Theaterblut" heißt das jüngste Werk des Rudolstädter Schriftstellers Matthias Biskupek (Eulenspiegel-Verlag, Berlin, 176 Seiten mit Vignetten von Nel, 9.90 Euro). Ein Schelm, wer bei den heiteren "Enthüllungen" aus dem DDR-Provinztheaterbetrieb nicht an die heimische (Rudolstädter) Bühne denkt, zumal der Autor dort praktische Lehrjahre verbracht hat. Wir sprachen mit dem Autor über die Verflechtung von wirklicher und literarischer Wahrheit.

In den 1980er Jahren hat ein gewisser Matthias B. in Rudolstadt Theaterblut geleckt ...

Schon in den 70ern.

Ist dieser Matthias mit dem Regieassistenten Matti in Biskupeks Roman "Eine moralische Anstalt" verwandt?

Entfernt verwandt, ja.

Was sind denn entfernte Verwandte?

Leute, die oft voneinander hören, aber sich nur selten sehen. Ich habe von 1976 bis 79 am Rudolstädter Theater und noch ein paar Jahre am Geraer Kabarett gearbeitet, und in dieser Zeit war ich alles Mögliche, auch Regieassistent.

Der Thüringer Leser identifiziert schon nach wenigen Seiten die Anstalt unter der "Schnauferlburg" als sein Landestheater Rudolstadt.

Zu mir haben auch Leute gesagt, das ist doch das Theater Meiningen!

Das waren sicher Meininger.

Richtig. Ich hab´ ihnen entgegnet, das Meininger ist doch kein kleines, sondern ein großmächtiges Theater.

Die Rudolstädter Lokalitäten sind so genau und liebevoll beschrieben, die kann man gar nicht verwechseln! Was hast du dort erlebt, dass du erst jetzt darüber berichtest?

Theater mit Leib und Seele und eine Aufbruchsstimmung in den Zeiten der Stagnation. Ich habe zunächst darüber ein Feature gemacht und die realen Personen wieder aufgesucht und befragt, mit denen ich vor 30 Jahren am Theater war. Danach bekam ich Lust, den Stoff auch romanhaft zu verarbeiten.

Am Ende des Buches verwahrt sich der Autor Matti B. davor, dass zwischen lebenden und Romanmenschen ein Gleichheitszeichen gesetzt wird. Aber der Chefdramaturg Klaus Fiedler, im Buch Oberfiedler genannt, hat im realen Theaterleben eine führende Rolle gespielt.

Den habe ich nicht erfunden, der war damals Oberspielleiter in Rudolstadt.

Und wieso war er so gefährlich, dass er und alle Leute um ihn herum überwacht worden sind?

Dieser Fiedler war für Rudolstadt ein produktiver Unruhestifter. Zu seinem Kreis gehörten auch der bekannte Stückeschreiber Werner Buhs und der Regisseur Herbert Olschok, der heute in Dessau ist. Klaus Fiedler kam mit einer ganz jungen Truppe, und zusammen mit ein paar Alteingesessenen versuchten sie, interessantes Theater zu machen. Solche Experimente gab es damals an verschiedenen kleineren DDR-Theatern, zum Beispiel in Anklam, Eisleben, Senftenberg oder Altenburg. Das ging bis dahin, dass man einen Großbetrieb als Träger des Theaters gewinnen wollte, um nicht länger vom Rat der Stadt, vom Rat des Bezirkes oder von Oberräten in Berlin abhängig zu sein.

Wie lange konnte so etwas gut gehen?

Es hat eine Weile funktioniert und dann nicht mehr, weil die Leute auseinander drifteten. Im Einzelnen wollte man zu Verschiedenes.

Der Versuch ist nicht an Restriktionen gescheitert?

Doch, auch. Sowohl an staatlichen Restriktionen als auch an den selbst geschaffenen chaotischen Verhältnissen. Die Rudolstädter glaubten, sie könnten die Rechnung ohne den Parteiwirt machen.

Im Buch wird das Theaterleben unter der Schnauferlburg aus zweierlei Perspektive geschildert: aus Sicht des mehr oder weniger beteiligten Erzählers und aus den Akten einer mutmaßenden, da schlecht informierten Behörde. Sind die kabarettistisch anmutenden IM-Protokolle frei erfunden?

Nein, die gibt es wirklich. Ich habe zum Teil wörtlich daraus zitiert und nur manchmal den "schönen" sprachlichen Besonderheiten noch einen kleinen grammatischen Schlenker hinzugefügt.

Was ist oder war an einem Provinztheater so gefährlich, dass die Stasi ihm so große Aufmerksamkeit widmete, wie im Buch durch den Operativen Vorgang "Comoediant" zum Ausdruck kommt?

Das hatte damit zu tun, dass kreative Köpfe zusammen kamen, die man unter Kontrolle kriegen wollte. Mit bildenden Künstlern wurde genauso verfahren - ein Ausdruck der Angst der Herrschenden vor der Intelligenz. In Kleinstädten bündelte sich das wie unter einem Brennglas. Vor allem an den Theatern, an denen eine illustre Gesellschaft zusammenkam. Viele "Antragsteller" flogen aus ihren Betrieben und wurden bis zur Ausreise in den Westen als Bühnenarbeiter beschäftigt.

Im Buch gibt es auch provinzielle Kulturverwalter, die hin und her gerissen sind zwischen ihrer Liebe zum Theater und der Treue zur Partei - Janni Maus etwa.

Im realen Leben war Janni Maus eine Theaterreferentin, deren Herz am Theater hing. Und selbst Funktionäre wie Gerhard Kanthe wollten mit aller Macht etwas für die Kunst tun, natürlich unter der Maßgabe: Es darf uns nicht aus dem Ruder laufen. Im Gegensatz zu kunstfeindlichen Kadern, die es auch gegeben hat, sind das echte dramatische Figuren, weil sie den Widerspruch in sich haben.

Warum gibt dein Erzähler dem Provinztheater keine Zukunft?

Weil der Theaterbetrieb am Gelde hängt. Es wird immer mehr Geld für immer weniger Inszenierungen gebraucht. Um das Stadttheater zu retten, wird man andere Strukturen finden müssen ... Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Ich habe nur mal einiges durchgespielt, satirisch überzeichnet, ins Absurde und Bösartige verkehrt.

Der sonst allwissende Erzähler zweifelt?

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Nach einem wunderbaren Vorspiel und Prolog vor dem Theater mutiert der Roman mehr und mehr zum Diskurs mit belletristischen Zügen. Er ist wie ein Theaterereignis gegliedert, und von der Planstelle bis zum Künstlerischen Betriebsbüro wird alles beispielhaft für Ost- und Westbürger erläutert. Literatur oder künstlerische Theaterbetriebswirtschaftslehre?

Ich denke, dass Literatur alles darf, wenn sie es kann. Das ist doch keine Erfindung von mir. Schon Dichter wie Grimmelshausen haben scheinbar sachliche Formen benutzt, um etwas belletristisch zu erzählen. In jedem meiner Kapitel - egal ob sie "Malsaal", "Fechten" oder "Spektakel Zwo" heißen - erzähle ich auch eine Geschichte. Aber ich gebe zu, die "Pause" als auch der ganze Anhang dienen eher einem Theaterdiskurs, der in die heutige Zeit reichen soll. Da spricht vielleicht der Satiriker, der Polemiker oder Agitator aus mir.

Spott ist Waffe, könnte man sagen. Wofür kämpft dieses Buch?

Dafür, dass wir uns erinnern, was für wunderbare Theater es gab.

Gab?

Das Rudolstädter ist natürlich immer noch wunderbar.

! Lesungen: 28. 10. Theater Rudolstadt, 8. 11. Theater Meiningen