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11.03.2009

Porträtierte Lebenswelt

von Ulrich Kaufmann TLZ

Weimar. (tlz) Wer das Buch in die Hand nimmt, begegnet auf dem Umschlag einem Kirsten-Porträt des Dresdener Malers Siegfried Klotz aus dem Jahre 2000. In dem Text "Ein Modell porträtiert seinen Maler", einem der anrührendsten des Bandes, hat der Kunstkenner Kirsten den bildenden Künstler bei seiner schweren Arbeit beobachtet. Am Ende heißt es: "Wenn er ein Glas Rotwein vor sich hat, sieht er Gottfried Keller zum Verwechseln ähnlich. So würde ich ihn malen, wenn ich malen könnte."
Kirsten hat seine Sammlung, die 25 Essays aus 25 Jahren enthält, genauestens komponiert: Auf die poetologischen Texte lässt er Reden folgen und an die "Gedenkblätter" schließt er "Ortsangaben" an. Die Mehrzahl der Beiträge, von denen einige ungedruckt waren, ist erst in diesem Jahrtausend entstanden. Es fällt auf, dass der Weimarer Dichter jede Überschneidung mit seiner Essay- Sammlung "Textur" von 1998 vermied.

Ob Kirsten eine Autobiografie zu schreiben vorhat, ist mir nicht bekannt. Nach der Lektüre dieses Buches vermute ich dies nicht. Die Fülle dessen, was er hier über seine Kindheit, den Krieg und den Nachkrieg, über seine Leipziger Studienzeit und seinen schweren "Brückengang" in die Literatur zu erzählen weiß, hat mich mehr als überrascht. Wulf Kirsten hatte das hochverdiente Glück, des öfteren bei Preisverleihungen Dankesreden halten zu dürfen. Diese Anlässe hat er genutzt, um stets ein neues Kapitel seiner Lebensgeschichte aufzublättern oder uns Einblicke in sein poetisches Schaffen zu gewähren.

Zu der durchdachten Anordnung der Essaysammlung gehört auch, dass es inhaltlich kaum Überschneidungen gibt - mit einer Ausnahme: Fast leitmotivisch wird das Jahr 1957 genannt, in dem der spätere Lyriker sein Studium in Leipzig aufnahm. Studium hieß für den Lesebesessenen vor allem Selbststudium in der Deutschen Bücherei. Hier legte er die Grundlagen für sein zu recht gerühmtes Wissen über die deutsche und die Weltliteratur. Typisch für Kirsten war und ist, dass er seine Zuhörer und Leser eher seltener auf kanonisierte Werke und Autoren verweist, sondern vielmehr auf Namen und Texte, die mitunter nur wenigen geläufig sind. Im "Gedenkblatt für einen unbekannten Dichter" porträtiert er Karl Schloß. Immer wieder interessieren den gebürtigen Sachsen die Dresdner Expressionisten, von denen er Walter Rheiner einen eigenen Essay widmet. Der Autor bekennt, in Curt Querner "seinen" Maler und in Oskar Maria Graf "seinen" Schriftsteller gefunden zu haben. Graf, sein "großes Selbstbekenner-Vorbild", behauptete, die von ihm gestalteten oberbayrischen Bauern seien "die besten Weltbürger" gewesen. An anderer Stelle hatte Wulf Kirsten bereits berichtet, wie wichtig der briefliche Zuspruch Grafs aus dem fernen New York am Beginn seines Weges als Lyriker war.

Selbststudium schließt die Anregungen wesentlicher Leipziger Lehrer nicht aus. Natürlich wird Hans Mayer genannt, aber auch an den weit weniger bekannten Mundartforscher Dr. Gunter Bergmann erinnert sich der ehemalige Student warmherzig. Noch nie habe ich von einem Dichter gelesen, der sich so an dem "Feuer der Philologie" erwärmt hat. Nachvollziehbar wird, wie prägend eine Mundartexkursion und die Mitarbeit am obersächsischen Wörterbuch für den Personalstil des späteren Dichters waren. Der Wörtersammler Kirsten war und ist auf der Suche nach einer unverbrauchten Gegensprache.

Die noch nicht "weggedichtete" Landschaft seiner Kindheit und Jugend, die "Erde bei Meißen" sowie Thüringen hat Wulf Kirsten über Jahrzehnte als Lyriker, Prosaist und Herausgeber ergründet wie kein zweiter. Das Erstaunliche ist, dass er auch über andere Landstriche, in denen er keine Wurzeln hat, so packend zu schreiben vermag, dass man am liebsten seine Urlaubspläne ändern möchte. Man lese nur Kirstens "Sieben Sätze über die Pfalz". Hier und da gibt der Vielleser auch Tipps für Pläne ganz anderer Art: So vermisst er eine Geschichte des Weimarer Verlagswesens oder eine Sammlung der wesentlichen Essays des Dresdner Malers Erhard Frommhold.

Kirsten versteht sich nicht als politischer Dichter, jedoch als einer, der gesellschaftliche Realitäten und Missstände zu allen Zeiten genau zur Kenntnis nahm. Dafür stehen hier die Rede auf Horst Harry Bienek oder die Laudatio auf den "Buchstabenzauberer" Ludvik Kundera.

Der Reichtum dieses gewichtigen Buches konnte hier nur angedeutet werden. Eine Besprechung zu einem Werk, das einige Laudationes enthält, sollte nicht selbst zur Lobrede werden. Aber was soll man gegen diese Essay-Sammlung vorbringen? Vielleicht, dass ihr Autor an wenigen Stellen - etwa bei der Auflistung mundartliche Beispiele - zu sehr ins Detail geht. Die Erstausgabe hätte natürlich einen festen Einband verdient. Mit roter "Bauchbinde" versehen, erscheint sie im Vorfeld des 75. Geburtstages, den der Dichter und seine Leser zu Sommerbeginn begehen werden.

i Wulf Kirsten: Brückengang. Essays und Reden. Reihe Odeon, Band 25, Amman Verlag, Zürich, 288 Seiten 21.95 Euro