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18.04.2009

Pontus: Daniela Danz weitet den europäischen Blick

von Martin Straub TLZ

Serimunt" benannte Daniela Danz ihren ersten Lyrikband. Und sie zitiert, den Titel erklärend, eingangs aus Zedlers Universal-Lexikon: "Serimunt sey der Strich gewesen zwischen Saale und Mulde." Nun liegt mit "Pontus" ihr zweites Gedichtbuch vor. Erneut erklärt sie den Titel mit besagtem Lexikon. "Pontus Euxinus, so [...] das schwarze Meer genennet wird, hat gegen Morgen Colchis, gegen Abend die Moldau und Tracien, gegen Mittag Klein-Asien, und gegen Mitternacht das Europäische Sarmatien und Asien".
Dies sei so ausführlich zitiert, um die große raum-zeitliche Dimension aufzuzeigen, in die Daniela Danz nun aufgebrochen ist. Was sie bewegt, sind nicht allein die "Bruchstellen zwischen Tradition und Moderne", wie der Klappentext griffig formuliert. Ihr geht es vielmehr um ein Ineinander von Mythos und Moderne. Bedacht wird die Fortdauer existentieller Grundkonflikte aus ferner mythischer Zeit bis in das gegenwärtige Jahrhundert. Lyrisch verdichtete Essays vor den fünf Kapiteln des Bandes geben dem Leser eine Orientierungshilfe. Das schwarze Meer wird so zu einem Fahrens- und Erfahrungsraum.

Die Dichterin nimmt den Leser aus seinem abgesicherten, und weich gespülten mitteleuropäischen Dasein hinaus in entfernte Orte. Nach Sewastopol und jene Buchtenlandschaft, wo vor 4000 Jahren die Griechen siedelten und Odysseus mit seinen Gefährten vor Anker ging. Ein Gedicht widmet sie Ovid in seinem antiken Exilort Tomis, dem heutigen Constanta. Eine andere Route führt nach Israel. Sie verharrt bei dem ukrainischen Märchenhelden Danilo. Sie folgt als wache Zeitgenossin dem Gebot der Erinnerung: "weil die mythischen orte immer da sind wo wir sie suchen hat iphigenies tempel hier gestanden wo ich bin. auf dem taurisberg unter dem stalin einen atombunker [...] in den fels graben ließ. hier liefen die uboote der schwarzmeerflotte in den getarnten tunnel ein [...] der ganze ort balaklawa mit seiner 2500jährigen geschichte totale sperrzone und von den landkarten getilgt". Nein, das ist keine von Fernweh geprägte sigthseeng-Lyrik nach rosa-munde-pilcherfarbenen Stränden. Aufbruch und Heimkehr sind zentrale Motive des Bandes. Ins Gedicht kommen Grenzverschiebungen und Befestigungen durch friedliche Expeditionen und die Kriegszüge "soldatischer Männer".

Daniela Danz´ Gedichte stellen einen europäischen Egozentrismus in Frage und bedeuten, wie brüchig der Boden unserer Zivilisation ist. Wenn sie etwa mit Medea fragt, wie Neuankömmlinge von den Alteingesessenen empfangen werden und in dem Gedicht "Festung" das Schicksal heutiger Bootsflüchtlinge ins Bild bringt. "Blitzlicht am Ufer ein geruchloses Meer/auf der Estrade hocken die Entdeckten/und heften ihre Blicke auf zermahlene/Muschelschalen den gleichgültigen/Strand". An anderer Stelle erinnert sie mit Colchis an Kriege bis hin zu denen der deutschen Wehrmacht.

Daniela Danz hebt nicht moralisch den Zeigefinger. Ihr Toleranzgedanke manifestiert sich, die Fundamentalismen der Gegenwart bedenkend, in einer lyrischen Archäologie im "bergewerk des verstehens". Sie hebt die Disparität von Ort und Zeit auf und führt die unterschiedlichen Kulturkreise und kulturellen Epochen zusammen. Man lese die Gedichte "Gabriel zu Maria" und "Gabriel zu Mohammed". Solchem Anliegen ist die Verssprache verpflichtet in ihrer klaren strophischen Gliederung und einem gelassen dahin fließenden Rhythmus. Daniela Danz verbindet traditionelles und modernes lyrisches Sprechen. Sie besinnt sich auf die Odenstrophe oder den Hölderlinschen Tönewechsel. In dem für mich schönsten Gedicht des Bandes, "Masada", preist sie den Weltgewinn durch ein Ineinander von sinnlicher Welterfahrung und Erkenntnis.

Das vor allem ist es. Denn es schließt die Empathie des lyrischen Ich, wie der Schreiberin mit den Menschheitsgeschicken und Einzelschicksalen an den mythischen Orten ein. "Wenn du dann stehst wo es still ist dass du/es merkst wenn das Denken aufhört und/das Hören anfängt wenn das Hören aufhört und das sehen anfängt wenn ein Vogel/fliegt wenn du als schwarzer Vogel gleitest ..."

i Daniela Danz: Pontus. Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen, 76 S., 14,90 Euro