Presse - Details

 
12.05.2009

Poet mit dem kindlichen Blick

von Udo Scheer TLZ

Greiz. (tlz) Diese Nachricht ist so schwer fassbar wie schmerzlich. Günter Ullmann, der nach dem Ende der DDR wieder richtig lebensfrohe Greizer Lyriker, starb in der Nacht vom 9. zum 10. Mai mit nur 62 Jahren.
Nur wenige wussten, dass der für seine Solidarität mit Reiner Kunze und Jürgen Fuchs vor 30 Jahren harten Stasi-Verhören Ausgesetzte lebenslang an den psychischen Folgen trug. Nach einer erneuten Umstellung seiner Neuroleptika im Krankenhaus Plauen kam es vollkommen unerwartet zu tragischen Komplikationen.

Günter Ullmann bleibt seinen Lesern und seinem großen Freundeskreis immer in Erinnerung mit wunderbaren Lesungen und Gesprächen, im Mittelpunkt oft die Lyrik, das sparsame, genau gesetzte Wort, das ihn faszinierte, mit dem er jeden, der ihn hörte, berührte. Zum Beispiel sein Gedicht "Lichtkreuz": "das nichts ist wahrscheinlicher als / das / sein / du bist / alles ist / also staune."

Im letzten Herbst erhielt er in Heidelberg für seine eindringlichen Gedichte den "Preis des Lebens". Und er hatte noch so viel vor. Auf die Frage vor wenigen Wochen, woran er schreibe: "An meinen Erinnerungen. Ich lasse mir Zeit."

Günter Ullmann bleibt unter uns in seiner Lyrik. Er bleibt unter uns in seinen hellen und lustigen Kindergedichten, mit denen er Kinderaugen zum Leuchten bringt. Kinder spüren, wie nur sehr wenige hat er sich die Fähigkeit des kindlichen Blicks auf diese Welt bewahrt.

Und es bleiben diese Gedichte, die unüberhörbaren Aufschreie gegen eine bleierne Zeit: "Legt uns nicht den Horizont um den Hals." Heute kaum noch vorstellbare Maßnahmen gegen sich und seine Familie waren die Folge. Dabei hegte er immer eine zutiefst ehrfürchtige Faszination gegenüber dem Sein, der Schöpfung, wie er es nannte. Jede Kleinigkeit, jedes unscheinbare Blatt, jede Blume war ihm ein Wunder, und er wünschte, wir sehen es ebenso.

Für die von Jenaer Studenten kürzlich herausgebrachte Anthologie "Mein Land verschwand so schnell - 16 Lebensgeschichten und die Wende" hat Günter Ullmann ausführlich sein Leben erzählt - über seine Kindheit im ostthüringischen Greiz, seine Auftritte mit der Band "Media Nox", seine Begegnung mit Reiner Kunze und Jürgen Fuchs, über die Verhöre bei der Staatssicherheit, die friedlichen Proteste gegen das SED-Regime in seiner Heimatstadt. 1996 hat er die Bürgermedaille der Stadt Greiz bekommen, 2004 wurde er von der Schillerstiftung Weimar geehrt.