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07.05.2009

Poet im aufrechten Gang

von Ulrich Kaufmann TLZ

Berlin. (tlz) Vor wenigen Wochen, als in der Akademie der Künste der 80. Geburtstag von Christa Wolf begangen wurde, war es der zehn Jahre jüngere Volker Braun, der die Veranstaltung eröffnete. Augenzeugen schwärmten von dessen Redetext. Braun sprach in seiner Funktion als Direktor der Sektion Dichtung, ein Amt, das der Jubilar nun abgeben möchte.
In seinem viel zitierten Wendegedicht "Das Eigentum" (1990) fragt das lyrische Ich in der Schlusszeile "Wann sag ich wieder mein und meine alle." Der politische Dichter hatte jahrzehntelang sprachmächtig für die Mehrheit Rechte wie Demokratie und Meinungsfreiheit eingefordert. Zu Beginn der sechziger Jahre galt er als wesentliche Stimme der "Sächsischen Dichterschule", die während der "Lyrikwelle" die großen Säle, vor allem die Hörsäle, füllte. Jedoch, auch dieser Poet spaltete das Publikum und seine Leserschaft unter jüngeren Kollegen. Bei Hans-Eckardt Wenzel liest man 1984: "Volker hört / die Signale" und glaubt zunächst an einen Schreibfehler. Der 1960 geborene Fritz-Hendrik Melle gibt 1985 hingegen zu Protokoll: "Volker Braun? - Da kann ich nur sagen, der Junge quält sich."

Bereits das lyrische Debüt "Provokation für mich" (1965) erregte Aufsehen, übrigens auch beim Hamburger Wochenmagazin "Der Spiegel". Die folgenden Lyrikbände waren, trotz der hier und da zu registrierenden Zensurpraxis, schnell vergriffen und galten als "Bückdichware": "Wir und nicht sie", "Gegen die symmetrische Welt", "Training des aufrechten Gangs", "Langsamer knirschender Morgen". Charakteristisch für Braun ist, dass der in Dresden Geborene und ohne Vater Aufgewachsene ständig mit seinen literarischen Vätern im Gespräch war und ist. In den genannten Beispielen etwa mit Klopstock, Hölderlin und Ernst Bloch. Wie Brecht, mit dem er gleichfalls auf gutem Fuße steht, arbeitet Volker Braun auf allen Feldern der Literatur. Erinnert sei an das bedeutende Parabelstück "Der große Frieden" (1978). Manfred Wekwerth konnte dieses an Brechts Theater nur herausbringen, indem er es als historisches Drama anpries. Mancher Weimarer Theaterfreund wird sich an die Vorwendezeit erinnern, als wir Schlange standen, um Karten für Brauns Schauspiel "Die Übergangsgesellschaft" zu ergattern.

Unter DDR-Schriftstellern war es Usus, die hiesigen Geistes- und somit auch die Literaturwissenschaften gering zu schätzen. Dafür gab es plausible Gründe. Braun indessen pflegte Kontakte zu einzelnen Wissenschaftlern. Im Schillerjahr sei daran erinnert, dass er Schillers letztes Stück "Demetrius" auf seine Weise vollendete. Und es war ein Wissenschaftler, sein Leipziger Urfreund Jürgen Teller, der die Initialzündung zu diesem Projekt gab. Der Satiriker Braun kann auch austeilen und Wissenschaftler anderen Typs vorführen. Man blättere nur im "Hinze-Kunze-Roman" (1985). Dort ist von einer dogmatischen Germanistin, die im Buch Frau Professor Messerle heißt, die Rede. Dass diese Frau im "Neuen Deutschland" einen Totalverriss dieses großartigen Romans schrieb, der vier Jahre auf Eis gelegen hatte, gehört ins Kuriositätenkabinett der DDR-Literatur. Keineswegs ist diese Episode nur kurios!

Das zweite Glanzstück der Braunschen Prosakunst war die "Unvollendete Geschichte", die 1975 nur in einer Zeitschrift erscheinen durfte. Mit dem Untergang der DDR 1990 endete aber nicht ihre Literatur. In seinen Stasiakten musste Braun zur Kenntnis nehmen, dass die junge mutige Frau, die Karin seiner Novelle, als Spitzel auf ihn angesetzt war. Braun, der die ergreifende Geschichte dieser Achtzehnjährigen erzählt hatte, war so erschüttert, dass er diesen Text, der längst geistiger Besitz seiner Leser war, aus seinem Werk streichen wollte. Freunde rieten von diesem Schritt ab. Und so schrieb der Erzähler ein knappes "Ende der unvollendeten Geschichte".

Was wäre dem Dichter, der einen Teil seines Werks auf dem Kochberger Schloss bei Rudolstadt schrieb, neben Gesundheit und Schaffenskraft zu wünschen? Ein Lesebuch vielleicht, das einem breiten Publikum die vielfältigen Möglichkeiten dieses Autors vor Augen führt. Eine, wie auch immer gestaltete Fortsetzung seiner Werkausgabe, die den beträchtliche Textcorpus der Nachwendezeit dokumentiert. Und natürlich weitere Erprobungen der dramatischen Arbeiten des Büchner-Preisträgers auf der Theaterbühne.

! Im Hermsdorfer Gymnasium ist eine Volker-Braun-Ausstellung zu sehen. Diese Kabinett-Schau wurde von einem Deutsch-Leistungskurs erarbeitet. Gezeigt wird das Wirken des Dichters vor, während und nach der Wende 1989/90.