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09.02.2012

Poesie gewordene Lebenserfahrung

von Lilian Klement Freies Wort

Walter Werner gehörte zu den bedeutendsten Landschaftslyrikern seiner Generation. Am 22. Januar wäre er 90 Jahre alt geworden. Eine Veranstaltung in der Suhler Stadtbücherei erinnerte an den Dichter.

Suhl - Verständlich, dass ein Heimatort an seinen bekanntesten Sohn erinnert. Am 21. Januar gab es in Untermaßfeld eine Würdigung Walter Werners, der neunzig Jahre alt geworden wäre. Dass Suhl nun mit einer Veranstaltung nachzog, ist nicht nur lobenswert, sondern folgerichtig. Denn der Lyriker Walter Werner weilte oft in der ehemaligen Bezirksstadt. Seiner Dichtung wegen. Und gelegentlich in seiner Funktion als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes des Bezirkes. Die alte Stadtbücherei, die nun nicht mehr steht, hat er gut gekannt. Auch wenn er den Abriss der alten, denkmalgeschützten Villa heftig kritisiert hätte, die großzügige neue Bücherei hätte ihm bestimmt gut gefallen. Nicht überall im Osten wuchsen solche modernen Lesetempel. Und nicht überall mehr findet man seine Bücher wie eben in der Suhler Bücherei. In Gera hat man sie entsorgt, wird eine darüber entrüstete Annerose Kirchner berichten, die an diesem Abend mit Autoren am Tisch sitzt, die Walter Werner gekannt haben - Holger Uske (Suhl) und Horst Wiegand (Steinheid).

Und so dürfte auch die hochbetagte Gattin Elisabeth Werner und Sohn Ingo nebst Ehefrau der Anblick jenes Tischchens mit den Büchern Walter Werners im Leserund erfreut haben. Ein bisschen vergilbt und abgegriffen zwar die Einbände - dennoch eine zwischen Buchdeckeln materialisierte Erinnerung an Teile seines Lebenswerkes. So gegenwärtig und geschätzt dieses damals vielen Lyrikfreunden der DDR war, so vergessen ist es heute bei den Jüngeren. Insofern war dieser Würdigungs-Abend zugleich einer gegen das Vergessen und eine Wiederentdeckung.

Mehrere Partner ermöglichten dieses gemeinsam mit der Bücherei: der Lesezeichen e.V., die Literarische Gesellschaft Thüringen e.V., der Verein Provinzkultur, der Südthüringer Literaturverein und der Thüringer Literaturrat.

Eine Brücke zur Annäherung an den im August 1995 verstorbenen Poeten waren dessen Gedichte, vorgetragen von Martin Stiebert, und die Erinnerungen der drei Autoren auf dem Podium. Holger Uske, für den die Verse Walter Werners "zum schönsten gehören, was die Lyrik des vergangenen Jahrhunderts ausmachte", moderierte die reichlich anderthalbstündige Veranstaltung.

Wie poesievoll, wie geschliffen, wie originell, wie eigenwillig verknappt und dabei voller gedanklicher Tiefe diese Sprache ist, bewies die Gedichtauswahl, die Martin Stiebert getroffen hatte. Beim Blick in seine eigenen Buchregale griff er sich zwei historische Bändchen, "Gewöhnliche Landschaft" (erschienen zum 80. von Walter Werner im Quartus-Verlag mit Fotos von Roland Reißig) und "Die verführerischen Gedanken der Schmetterlinge" aus dem Reclam Verlag von 1979, illustriert vom bekannten Leipziger Maler Günter Horlbeck.

"Blitzende Kuriere"

Und während Stiebert von den Kleinen Fischen liest - "der Flüsse blitzende Kuriere" - huscht über das Gesicht von Werners Ehefrau ein stilles Lächeln. Am Ende wird sie das Publikum überraschen mit ihrem freien, textsicheren Vortrag des bekannten Gedichtes "Das unstete Holz". Es gab den Titel zu einem seiner bekannten Lyrikbände. Einige ältere Zuhörer im Publikum, sie nicken wissend, wenn so bekannte Verse wie "Worte für Holunder" oder die Schmetterlingsgedanken von Stieberts getragener Stimme für eine Weile im Raum schweben.

Der älteste in der Runde der Berichtenden ist Horst Wiegand, früher Musiklehrer. Genau wie Holger Uske und Annerose Kirchner begegnete er dem Dichter beim Zirkel Schreibender Werktätiger. Walter Werner habe etwas selbstverständlich Freundliches an sich gehabt, streng, doch ohne erhobenen Zeigefinger. Er, Wiegand habe einmal das Wort "Plan" verwendet, worauf Werner ihm entgegnete, dieser Begriff habe in der Lyrik nichts zu suchen. Holger Uske, der als blutjunger Anfänger viel von Werners Rat profitierte, hatte ihm sogar ein Gedicht zugeeignet: "Mit W.W. im Wald", nachzulesen in seinem Bändchen "Erdfahrt" und zu hören an dieser Veranstaltung.

Annerose Kirchner, die einzige unter den Akteuren auf dem Podium, die als freie Autorin ihren Lebensunterhalt bestreitet, reflektiert diese Anfangszeit der Begegnungen mit Walter Werner ganz anders. Für sie habe er kein Ratgeber sein können, hingegen schon eher seine Gedichte. Einen Satz von ihm hat sie verinnerlicht: "Das wichtigste, was du zum Schreiben brauchst, ist eine Lebenserfahrung". Damals, als sie ihn hörte, war sie sehr jung. Doch Werner habe Recht gehabt. Erst viel später habe sie einen "wundervollen Kontakt" zu ihm gefunden. Aber da war sie bereits auf ihrem eigenen Weg ...