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23.03.2010

Podiumsdiskussion: Vierstimmiges Plädoyer für das Stadttheater

von wohi TLZ

Als gesellschaftlicher Diskursraum ist das Theater heute wichtiger denn je, unterstrichen Stephan Märki und Steffen Mensching als Intendanten in Weimar bzw. Rudolstadt sowie Schauspieler Thomas Thieme.

Weimar. Das proletarisch-pornografische Theater, das er mal mit Luk Perceval habe gründen wollen, so bedauerte Thomas Thieme, das müsse leider noch warten. Perceval sei in Hamburg zu beschäftigt. Aber mit dem ihm eigenen, hintergründig-subversiven Humor legt der in Weimar geborene Schauspieler und Ex-Faust den Finger tief in die Wunde: Theater, so war er sich mit DNT-«General» Stephan Märki und Steffen Mensching, dessen Kollegen aus Rudolstadt, einig, muss provozieren. Zumindest zum Diskurs.

So hatte TLZ-Kulturredakteur Frank Quilitzsch als Moderator der montäglichen Podiumsdiskussion Recht, von vornherein den Horizont über eine reine Ost-West-Debatte hinaus zu öffnen. Eingeladen hatte die Literarische Gesellschaft Thüringen zum Abschluss ihrer achtteiligen Gesprächsreihe «Zur Frage der Himmelsrichtungen - Ostmenschen und Westmenschen 20 Jahre nach der Einheit». Und gut 120 frühere Ost- wie Westbürger kamen in die vollbesetzte Weimarer Eckermann-Buchhandlung.

Allzu bürgerlich jedenfalls soll es nach Thiemes Willen auf der Bühne nicht zugehen: «Das Theater ist kein Instrument für mittelständische Betreuung», warf er frech in die Runde. Und erntete prompt bei Mensching Widerspruch: «Ich bin froh, dass wir in Rudolstadt einen gewissen Kern haben, der sich interessiert», sagte der Kleinstadt-Theatermacher; Lehrer und Apotheker sind ein treues Publikum.

Indes servieren auch er und sein kleines Team nicht bloß pure Unterhaltung über die Bretter, die schließlich die Welt bedeuten. Vielmehr sieht er seine Einrichtung als Kulturhaus im weiten Sinn, als einen Kommunikationsort, der zum gesellschaftlichen Diskurs anstiftet - mal mit Schiller-Dramen, mal mit heiterem Beruferaten à la Robert Lembke.

Darin ist Mensching mit Märki prinzipiell d'accord: «Theater als gesellschaftliches Luxus-Attribut war einfach langweilig», reflektiert der Schweizer seine Münchner Erfahrungen, die ihn zuerst in die freie Szene und dann 1993 in den Osten trieben. Am Herzen liegen ihm beispielsweise soziokulturellen Projekte - wie soeben die «Grenztänzer» als choreografischer Abend mit acht Schulklassen samt Staatskapelle.

Per Spielplan allein will Märki jedenfalls nicht zum Gedankenaustausch anregen, sondern erinnerte an den Theater-Doyen Kurt Hübner: Der habe auch nur mit 30 Prozent seines Repertoires für Erregungen gesorgt. Und Mensching, den als gebürtigen Ost-Berliner die Mauererfahrung geprägt hat, dem es zu DDR-Zeiten jedoch glückte, ein dadaistisch-anarchisches Freies Theater zu machen, ergänzte: «Schlimm ist, wenn von oben bestimmt wird, was Kunst ist.» Zu derlei obrigkeitlichen Pressionen gehört heute das - in der Thüringer Kulturpolitik nicht ganz unbekannte - Schielen auf die Auslastungsquote.

Schließlich hängt es neben Programmen und Ambitionen von den Schauspielern ab, wieviel soziale Wirklichkeit eines Landes sich auf der Bühne widerspiegelt. Er habe Angst vor den jungen Schauspielern, sagte Thieme, vor diesen höheren Söhnen und Töchtern mit ihrer technischen Perfektion - «bei denen man aber nicht weiß, wo das Herz sitzt.» Insofern hat der Erfahrungshorizont - jenseits von Ost und West - nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Theater-Akteuren eine tragende Bedeutung. Wie man es in jedem guten Stadttheater, zumal in Weimar und Rudolstadt, Abend für Abend erleben kann.