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09.11.2002

Plädoyer gegen die Intoleranz

von Stephan Laudien TLZ

Jena. (tlz) Der Hörsaal 3 am Abbe-Campus reichte nicht aus, soviele Gäste
wollten gestern Abend den CDU-Politiker Heiner Geißler hören. Des Andrangs wegen
las Geißler im Hörsaal 1.

Der streitbare Demokrat stellte sein neues Buch vor: "Intoleranz. - Vom Unglück
unserer Zeit". Freilich, gleich zu Beginn seines Plädoyers gegen die
allgegenwärtige Intoleranz machte Geißler klar, dass jene beileibe kein Phänomen
unserer Zeit ist. Vielmehr habe es Intoleranz zu allen Zeiten gegeben, so
Geißler. Schon Sokrates fiel ihr zum Opfer, ebenso Giordano Bruno oder Galileo
Galilei. Wobei letzterer, indem er widerrief, wenigstens sein Leben rettete.
"Warum sollte er sich verbrennen lassen, nur weil 15 Kardinäle nicht auf der
Höhe der Zeit waren?", so fragte Geißler.

Heute trete die Intoleranz in manigfacher Form auf. Sie sei das Schwert des
nationalen, des religiösen und des kulturellen Fundamentalismus, mache weder vor
"aufgeklärten" noch vor vermeintlich "primitiven" Gesellschaften halt. Ihren
Ursprung sieht Geißler in dem Irrglauben von Menschen, im alleinigen Besitz der
Wahrheit zu sein.

Besonders krass trete die Intoleranz gegenüber Frauen auf, anderen Ethnien,
Menschen anderer sexueller Präferenz. Wer mit dem Finger auf den Islamismus
zeige, dürfe nicht übersehen, dass in Irland Schulkinder mit Steinen beworfen
werden, dass in Deutschland Mobbing vielerorts zur Tagesordnung gehört. "Viele
sehen nicht mehr das Gesicht des Anderen, sondern nur noch das Weiße im Auge des
Gegners", sagte Geißler.

Der globale, nackte Kapitalismus sei eine der modernsten und schlimmsten Formen
der Intoleranz, sagte Geißler. Weltweit müssten gerechtere Strukturen geschaffen
werden, der reiche Norden dürfe nicht länger auf Kosten des Südens leben. Nur so
könne auch der Kampf gegen den Terrorismus erfolgreich sein.