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29.01.2014

Philosophieren mit Kindern - ein weise Freundin aus Hamburg oder wann ist jemand mutig? -

von Isabell Weiß und Jördis Kemnitz

Photo: Kristina Calvert philosophiert mit KITA-Kindern über die Frage, was etwas haben muss, damit es als lebendig gilt.

Sechs Stunden lang zu sitzen ist keine typische Tätigkeit für Pädagoginnen und doch waren die 14 Teilnehmerinnen der Fortbildung „Der weiße und der schwarze Bär? Kreatives Philosophieren mit Kindern über Tapferkeit und Mut“ hoch konzentriert und hingen gespannt an den Lippen der Kinderphilosophin Kristina Calvert.

Aus Hamburg angereist, wo sie seit 2006 als Dozentin an der Universität Hamburg das Forschungsprojekt „Philosophieren mit Kindern über die lebendige Natur (PhiNa)“ leitet, gab sie den Erzieherinnen und Lehrerinnen, in ihrer sehr authentischen Art zwei Tage lang Input zum Philosophieren mit Kindern. Darin hat Sie große Erfahrung und zugleich ist es spürbar, dass sie ihre Fragen erst im Moment mit der Gruppe entwickelt. Dass ein Thema nicht nur aus einer, oftmals wissenschaftlichen Perspektive aus betrachtet werden kann, sondern auch künstlerische, religiöse oder mythisches Denken unsere Erklärungen der Welt beeinflusst und gleichrangig ihre Berechtigung haben, wurde uns in diesen Tagen immer wieder bewusst. Denn auch wir Großen, scheinbar „Vernünftigen“ haben unserer Glücksbringer in der Tasche und sprechen mit unserem Auto, glauben daran die große, vorher bestimmte, Liebe zu treffen oder an einen Schutzengel.

Möglichkeiten zu eröffnen um in das Deuten von Deutungen zu kommen, wirklich offen zu zuhören ohne eine bestimmte erwartete Antwort bereits im Kopf zu haben, immer wieder kritisch zu hinterfragen und sich nicht einzubilden, ich als Pädagogin würde mehr von der Welt verstehen als Kinder und ich müsse sie daher meine Gedankenpfade entlang leiten, sind die Gedankenanstöße, die ich aus dieser Veranstaltung in Kooperation mit Heranwachsen. Thüringer Zentrum Frühe Kindheit, mitnehme.

Auch im Rahmen der Blockveranstaltung „Philosophieren mit Kindern“ stellte sich Frau Dr. Calvert zusammen mit einer Gruppe von Vorschülern der Kita Kindervilla bzw. Grundschülern der Dualingo Schule Jena einigen philosophischen Fragen. inleitend stand für diese ‚Forschungsgemeinschaft` zunächst die Frage im Raum, was Philosophieren überhaupt bedeutet. Dafür zerlegte die Gruppe das Wort Philo-so-phieren in seine einzelnen Bestandteile und bekam dadurch erste Hinweise zur Deutung. Die Silbe ''PHIER'' (sprich: vier) könnte beispielsweise auf die 4 Fragen Kants (zur Erkenntnislehre, Ethik, Metaphysik und Philos. Anthropologie) hinweisen und ' 'PHIL“ (sprich: viel) möglicherweise auf die große Menge an Fragen, auf die wir Tag für Tag beim Nachdenken über unsere Welt stoßen. Etymologisch steht ''PHIL'' für Freund und ''SOPHIE'' für die Weisheit. Wir hatten also das Vergnügen in dieser zweiten Veranstaltung mit einer weisen Freundin oder einer Freundin der Weisheit, einer Philosophin eben. Aber wer oder was kann überhaupt weise sein? Mit Hilfe eines weißen Plüschpudels versuchte Kristina Calvert dieser Frage Auf den Grund zu gehen. Ist dieses Kuscheltier weise, weil es weiß ist? Ist der Fußboden weise, weil er Spuren des Gebrauchs auf sich trägt und so doch also auch viele Erfahrungen, wie weise Menschen, gemacht hat? Und wie steht es mit Bäumen, haben sie Heimweh? Gehen Hunde auch in die Kirche? Können Schmetterlinge lachen? Diese und viele weitere Fragen entstanden während des Gespräches mit den Kindern.

Dann wurde es praktisch als Frau Calvert ein Gebilde in die Höhe hielt mit der Frage, um was es sich denn hier handele. Einstimmig entschied sich die Truppe für eine Zitrone. Und auch nach mehrmaligen Nachfragen verharrten die Schüler auf ihrer Antwort. Groß war das Erstaunen, als aus der geglaubten Zitronenfrucht, plötzlich eine Rassel wurde. Die Kinder wurden so anschaulich darauf aufmerksam gemacht, dass es sich manchmal lohnt, die Dinge zu hinterfragen.

Für die zuschauenden Studierenden und die Klassenlehrerin/Erzieherin der beteiligten Einrichtung ging es anschließend in eine zweite Runde in der sie gemeinsam mit Kristina Calvert das didaktische und methodische Vorgehen reflektierten und über Aspekte der Gesprächsführung und verschiedener Inszenierungsformen sprachen. Deutlich machte Frau Calvert in dieser Blockveranstaltung die in Kooperation mit der Imaginata, dem Lese-Zeichen e.V. und der Fachdidaktik Ethik/Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena stattfand, dass sie lediglich den Gedanken der Kinder folge ohne etwas Spezielles zu unterrichten oder auf bestimmte Stichwörter zu warten. Sobald eine neue Kinderphilosophie-Runde beginnt, vergisst sie die komplette Vorbereitung, schaltet ihr „3. Ohr“ ab und ist voll konzentriert.

Über Gedankenexperiment wie die Möglichkeit von eigenen Verwandlungen in Vögel, Elefanten bis hin zu einem Millionär, wurde ein Zipfel des unendlichen Raumes der Gedanken sichtbar, der sich beim Philosophieren auf tun kann. Aber Frau Calvert kam auch über so alltagsrelevante Themen wie Mut oder Lob ins Gespräch und wir bemerkten, dass das Deuten höchstens vorläufig zu einem Ende kommt, denn unsere Denkgrenzen können bei jeder weiteren Philosophierunde erneut angestoßen und erweitert werden.

Ob nun als Teilnehmerin an der Fortbildung, als beobachtender Studierender oder als eines der philosophierenden Kinder, wir alle haben wohl selbst eine kleine Metamorphose durch gemacht oder begegnen unserem Alltag nun mit anderen Augen.