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11.05.2014

Peter Wawerzineks "Schluckspecht" probiert den Kampf mit den eigenen Dämonen

von Constanze Alt TLZ

Peter Wawerzinek auf dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin: Die Idee zum neuen Roman entwickelte er indes in Jena. Foto: dpa

Seine erste Liebe, so schreibt der namenlose Ich-Erzähler in Peter Wawerzineks neuem Roman, sei die "Schwarze Johanna" gewesen. Dass er im Folgenden einen "Trinkerroman" schreiben wolle, das hatte der Bachmann-Preisträger bereits im vergangenen Jahr während seines Stadtschreiber-Stipendiums in der Jenaer Villa Rosenthal angekündigt.

Wawerzinek, der bereits in seiner preisgekrönten "Rabenliebe" das problematische Verhältnis thematisierte, in das der Mensch zum hochprozentigen Genussmittel geraten kann, hat seinen nun erschienenen Roman "Schluckspecht" vollends diesem Sujet gewidmet.

Wieder ist der Protagonist das ungeliebte Kind verantwortungsloser Eltern. Aber statt bei einem stockkonservativen Lehrerehepaar wächst der Spross bei Tante Luci und "Onkelonkel" im dörflichen Norddeutschland auf. Beide sind auf ihre Art raubeinig, aber lieb. "Onkelonkel" offenkundig ein Säufer, die Tante dem Alkohol offiziell nicht hold.

Was der Leser aber schon ahnt: Jene Tante Luci predigt Wasser - und trinkt nicht nur Wein. In Süßspeisen versteckt sie den Rum, im Keller selbst angesetzte Fruchtliköre. ",Egészségedre Palinka! sagt sie kampfeslustig, während sie die Flasche wieder verkorkt: ,Ich trinke, wie du weißt, Junge, nur ganz, ganz selten Alkohol. Und wenn, dann trinke ich immer nur Heiligabend diesen einen Likör."

Wer's glaubt... Während Tante Luci sich für den Suff verachtet, nascht ihr Ziehkind, nie gewollter Bastard-Sohn ihres Schauspieler-Bruders, heimlich die hochprozentigen Köstlichkeiten. Dass er aufgrund des Alkoholkonsums seiner Mutter bereits mit einem frühkindlichen Alkoholschaden auf die Welt gekommen ist, wird angedeutet. Mehr als eine Sonderschullaufbahn ist für den Sonderling nicht drin. Und das gelegentliche Aufflackern eines wachen Geistes macht schmerzlich bewusst, wer er wohl hätte werden können, hätte die Mutter den Fötus nicht mit Schnaps schier ertränkt.

Ein bittersüßes Buch voller Humor - insbesondere von der schwarzen Sorte. Eines, das man nüchtern genauso gut lesen kann wie berauscht. Peter Wawerzinek, das ist keiner, der früher gesoffen hat und dem nun aus jeder Pore das Ethos der Anonymen Alkoholiker dringt, wie bei manch anderen Schriftstellern, deren Werke sich fortan lesen wie Broschüren aus der Raucher- und Trinker-Entwöhnung. Nein, Wawerzinek ist wohl einer, der dem Kampf mit den eigenen Dämonen täglich ausgesetzt ist. In dem beinahe sicheren Wissen darum, wer letztlich gewinnen wird. Entsprechend wohnt auch in den mit Abscheu und Widerwärtigkeit besetzen Passagen über alkoholbedingte Erbärmlichkeiten keine nachträgliche Didaktik inne.

Umgekehrt wird die Trinkerexistenz aber auch nicht zum exemplarischen Lebensstil erhoben wie etwa bei Charles Bukowski. Der Protagonist ist innerlich zerrissen. Er will kein Schluckspecht mehr sein, der sich nachts beim Nachhauseweg selbst auf die Hand tritt. Es ist aber auch jenseits seines Wollens, zu einer Null-Toleranz-Spaßbremse zu werden, die gesellige Runden vergällt. Moderat möchte er trinken. Aber es gelingt ihm nicht. Der Teufel Alkohol ist es, dem er seine Seele verschrieben hat.

"Das unstillbare Verlangen soll von mir ablassen, mich freigeben, in Ruhe lassen. Aber es lässt mich nicht los, hat mich fest im Griff, lenkt all mein Denken und Fühlen. Ich sage so oft zu mir: Nur noch heute. Dann trinke ich nicht mehr, keinen Tropfen." - Am Ende weist die Tante ihn in das Alkoholiker-Heim eines befreundeten Arztes ein. Um ihm wenig später dorthin zu folgen. Ein kurzes Aufflackern ist ihr dort vergönnt, bevor sie stirbt. Und der Neffe? Der hat noch die Erinnerungen. Und seine Dämonen.

Peter Wawerzinek: Schluckspecht. Galiani , Berlin, 461 S., 19,99 Euro