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10.05.2012

P.E.N. in Rudolstadt: Debatte ohne Türenknallen

von Frank Quilitzsch TLZ

Für freie Meinungsäußerung und fairen Umgang - auch im Falle Günter Grass': Johano Strasser, Präsident des deutschen P.E.N.-Zentrums, in seinem Haus bei Berg am Starnberger See. Foto: dapd

 

P.E.N.-Präsident Johano Strasser über die Autorenvereinigung, die Menschenrechtslage und die Vorwürfe gegen Günter Grass Rudolstadt. Ab Donnerstag findet in Rudolstadt die diesjährige Jahrestagung des P.E.N.-Zentrums Deutschlands statt. Die international vernetzte Autoren-Vereinigung P.E.N. (Poets, Essayists, Novelists) gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller. Wir sprachen mit dem Präsidenten des deutschen P.E.N., dem Schriftsteller und Politikwissenschaftler Johano Strasser, über das Treffen, das morgen, 20 Uhr, mit einer Autorenlesung im Theater Rudolstadt eröffnet wird.

Herr Strasser, was zieht den P.E.N. zu seiner Jahrestagung ausgerechnet in das verträumte Schiller-Städtchen?
Rudolstadt ist eine kleine Residenzstadt mit vielen literarischen Konnotationen. Dort haben sich Goethe und Schiller zum ersten Mal getroffen. Dort hat Schiller seine spätere Frau kennengelernt, die er eigentlich gar nicht heiraten wollte, sondern deren Schwester. Und dort hat Hans Fallada als Gymnasiast Rudolf Ditzen diesen tragischen Doppelselbstmord versucht ...

Wo Liebe und seelische Abgründe dicht beieinander wohnen, fühlen sich Autoren wohl?
Das inspiriert zumindest. Aber wir versammeln uns gerne in etwas kleineren Städten, wo man nicht auseinanderlaufen kann, wo man sich immer wieder auf dem Marktplatz oder im Theater trifft. Rudolstadt ist daher ein wunderbares Ensemble für unsere Tagung.
Letztes Jahr tagten Sie in Ingolstadt, davor in Görlitz. Finden die Treffen wechselweise in Ost und West statt?
Das klappt nicht in jedem Falle. Außerdem versuchen wir, nicht nur Ost und West, sondern auch Nord und Süd zu berücksichtigen, denn wir werden ja nicht in alle Ewigkeit die Ost-West-Teilung Deutschlands für wichtiger halten als seine Nord-Süd-Teilung. Wir wollen in möglichst viele Ecken Deutschlands kommen, schon um unser Land besser kennenzulernen.

In Rudolstadt kennen Sie sich ja schon ganz gut aus. Hat Ihnen die Details Ihr neuer Schatzmeister, der Rudolstädter Schriftsteller Matthias Biskupek, geflüstert?
Einiges wusste ich schon vorher. Inzwischen bin ich zwei Mal dort gewesen und habe den Charme dieses Städtchens erlebt. Aber natürlich hat Biskupek seinen Anteil daran. Wir haben einen Abend lang in verschiedenen Kneipen gesessen.

Ist das Schiller-Motto auch von Biskupek: "Stets ist die Sprache kecker als die Tat"?
Das Motto hat er geliefert. Ich habe es im Grußwort nur besonders interpretiert - etwas anders, als in Schillers "Piccolomini". Es ist ein Satz, der Interesse weckt.

Und viel mit dem P.E.N. zu tun hat, der als internationale Autorenvereinigung konkrete politische Forderungen stellt. Welche sind die wichtigsten?
Der P.E.N. ist die älteste internationale Menschenrechtsorganisation, 1921 in London gegründet. Wir haben eine Charta, die uns verpflichtet, überall für die Freiheit des Wortes ein- und für Völkerverständigung und gegen Völkerhass aufzutreten. Der deutsche P.E.N. engagiert sich besonders in den Komitees "Writers in Prison" und "Writers in Exile". Wir haben ein Exil-Programm, mit dem wir verfolgte Autoren nach Deutschland holen und mit einem Stipendium ausstatten können. Die werden hier von P.E.N.-Mitgliedern und Mitgliedern des Freundeskreises betreut, bekommen Zugang zu Redaktionen und Verlagen. Wir sorgen dafür, dass ihre Texte übersetzt und publiziert werden, damit sie als Schriftsteller leben können und nicht womöglich Taxifahrern den Arbeitsplatz wegnehmen müssen.

Kommen die verfolgten Autoren auch mit nach Rudolstadt?
Ja, einige von ihnen treten am Freitagabend öffentlich auf der Heidecksburg auf: Elif Camyar aus der Türkei oder Ali al-Jallawi aus Bahrein. Es wird Tienchi Martin-Liao, die Präsidentin des unabhängigen chinesischen P.E.N., da sein, Fethiye Cetin aus der Türkei und - auch wenn sie nicht auftreten - eine Reihe ehemaliger und aktueller Stipendiaten aus Sri Lanka, Kuba, China und anderen Ländern.

Sie sagten gerade: vom unabhängigen P.E.N. in China - dort gibt es demnach zwei?
Es gibt einen gleichgeschalteten, den der internationale P.E.N. nicht abschaltet, weil wir fest davon ausgehen, dass die "Ansteckung" eher von den Ländern der Freiheit in Richtung China geht als umgekehrt. Aber die wirkliche Rolle im Sinne der P.E.N.-Charta spielt der unabhängige P.E.N. in China.

Der "Arabische Frühling" ist schon wieder fast aus dem Fokus der Medien. Können Sie etwas zur Situation oppositioneller Schriftsteller in Syrien sagen?
Wir haben seit langem Kontakte zur syrischen Opposition. Deren Lage hat sich dadurch verschärft, dass es im Land bürgerkriegsähnliche Zustände gibt. Unsere Kontaktleute sitzen jetzt im Libanon, in der Türkei oder noch weiter weg, weil sie fliehen mussten. Wir sind aber auch sehr in Sorge über die Entwicklung in Nordafrika. Möglicherweise gibt es in Tunesien schlimme Erfahrungen mit den Salafisten - wir wissen es nicht genau. In Ägypten ist die Lage noch komplizierter, weil sich da zwischen dem Militär und den religiösen Strömungen eine wirklich freie Zivilgesellschaft nur ganz schwer entwickeln kann. Das hängt alles auch von der Politik Israels ab, und im Augenblick ist in Israel eine Regierung am Ruder, die Israel, wie ich finde, mehr schadet, als dass sie dem Lande nützt. Der nationalistische Kurs dieser Regierung befördert eher die Feindschaft zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn.

Apropos Israel: Rolf Hochhuth hat gerade Türen schlagend die Berliner Akademie der Künste verlassen - wegen Günter Grass, den er für einen "Antisemiten" hält ...
Es ist ein derartiger Unsinn, Günter Grass zum Antisemiten zu erklären! Grass ist sogar einer, der häufig in Israel war, wie ich auch, der viele Freunde dort hat und sich Sorgen um die Entwicklung in diesem Land macht. Man muss aber auch sagen, dass Hochhuth jemand ist, der in letzter Zeit ständig die Alarmglocke schlägt und Kräche produziert, auch mit dem Berliner Ensemble. Ich habe mit mehreren Leuten gesprochen, die der Akademie-Sitzung beigewohnt haben, und die haben mir gesagt, dass Hochhuth während des Redebeitrags des Nahost-Experten Lüders ständig dazwischengeschrieen hat. Und in der Presse behauptet er, man hätte ihn nicht zu Wort kommen lassen und ständig gestört. Er verdreht alles. Und ich sage nochmal: Der Vorwurf gegen Günter Grass ist absurd! Jemand, der die Regierung in Israel kritisiert, ist kein Antisemit. Sonst müsste ja die Hälfte aller Israelis auch antisemitisch sein. Es ist auch eine Verharmlosung dessen, was Antisemitismus tatsächlich bedeutet - nämlich eine Form des Rassismus. Antisemitismus gibt es ja in Deutschland wirklich, vor allem in der rechtsradikalen Szene, damit haben wir genügend zu tun.

Kann das auch beim P.E.N. in Rudolstadt passieren, dass da Türen knallen? Immerhin gibt es einen Antrag, das Mitglied Günter Grass aus der Organisation zu verbannen.
Ja, leider. Aber der spiegelt ganz sicher nicht die Meinung der großen Mehrheit der P.E.N.-Mitglieder wider. Wir werden versuchen, ihn zivilisiert zu diskutieren, und dann wird es zu einer Entscheidung kommen. Ich bin sicher, dass es keine hysterische Aufregung geben wird, wie sie mitunter auch bei der Presse zu beobachten war.

Haben bei einer P.E.N.-Tagung überhaupt schon mal die Türen geknallt?
Ja, als es um die Vereinigung der beiden deutschen P.E.N.-Zentren ging. Da sind in der Auseinandersetzung Leute auf beiden Seiten gelegentlich tief unter ihr eigenes Niveau gegangen. Entgegen aller düsteren Prognosen haben wir die Vereinigung aber hinbekommen. Die Verdächtigung ostdeutscher Mitglieder, dass sie allen Dreck am Stecken hätten, halte ich für infam. Insbesondere, wenn man trocken und bequem im Westen aufgewachsen ist, kann man leicht den Stab über andere brechen.