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16.09.2006

Paukenschlag

von Frauke Adrians Thüringer Allgemeine

Thüringens Orchester üben den Schulterschluss gegen den Kulturabbau. Alle zehn Klangkörper haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie vor dem drohenden Verlust der reichen und lebendigen Musikkultur in Thüringen warnen.
THÜRINGEN. Der Brief, der heute in dieser Zeitung abgedruckt ist, richtet sich an die Landtagsabgeordneten. Die federführende Deutsche Orchestervereinigung (DOV) hofft, auch CDU-Abgeordnete davon überzeugen zu können, dass die drastische Kürzung der Landesmittel für Theater und Orchester nicht wieder gutzumachende Folgen für die Thüringer Kulturlandschaft hätte. "Viele überblicken vielleicht gar nicht, was da auf das Land zukäme", so DOV-Vizegeschäftsführer Claus Strulick.

Was auf Thüringen zukommt, wenn die Pläne der Regierung umgesetzt werden, ist ein Kahlschlag. Mindestens vier der verbliebenen zehn Orchester würden höchstwahrscheinlich aufgelöst: die Landeskapelle Eisenach, die Thüringen-Philharmonie Gotha-Suhl, die Thüringer Symphoniker Saalfeld/Rudolstadt und das Loh-Orchester Sondershausen. Andere Orchester werden empfindliche Mittelkürzungen hinnehmen müssen, wenn nicht Schlimmeres. Unbeschadet werden nur zwei aus dem Streichkonzert hervorgehen: die Vogtlandphilharmonie Greiz/Reichenbach, deren Bestand durch länderübergreifende Verträge gesichert ist, und die als einziges A-Orchester sakrosankte Staatskapelle Weimar. Dass sich auch diese beiden Klangkörper an dem offenen Brief beteiligen und den Protest mittragen, statt sich still ihres sicheren Status zu freuen, weckt Hoffnung: Die Solidarität unter den Musikern ist groß.

Sie muss stärker sein als das Konkurrenzdenken, das unter einzelnen Orchestern lange Tradition hat und das im Ringen um Landesmittel wieder zu wachsen droht. Die Regierungspläne, die für Erfurt und Weimar nur ein gemeinsames Orchester vorsehen, versetzen verständlicherweise die Musiker des Philharmonischen Orchesters Erfurt in Angst. "Wenn Weimar unantastbar ist, was sind dann wir?" Bei Thomas Leipold vom Orchestervorstand hat sich Frust aufgestaut. Sein Orchester wurde 1993 von 79,5 auf 59 Planstellen verkleinert - gekappt bis zur Fusionsreife. Aber die von der damaligen Landesregierung gehegten Fusionspläne scheiterten. "So was gibt es sonst überhaupt nicht in Deutschland", so Leipold, "entweder ein Orchester wird verkleinert und fusioniert, oder es wird nicht verkleinert." Auch in geschrumpfter Besetzung erspielte sich das Philharmonische Orchester über die Jahre einen Spitzenplatz in Thüringen, aber das Misstrauen ist geblieben, gepaart mit Neid gegenüber dem mit Landeszuschüssen vergleichsweise reich gesegneten Weimar.

Angst und Neid sind menschlich, helfen aber nicht weiter. Thüringens Orchestermusiker, die bei großen Konzert- und Opernprojekten oft orchester-übergreifend kooperieren, sitzen im selben Boot, auch wenn einige im Moment scheinbar komfortablere Plätze haben als andere. Denn nicht nur einzelne Klangkörper sind akut bedroht. Der Weimarer Architekt Peter Mittmann, Gründer der "Initiative Thüringer Kultur", weitet den Blick fürs Ganze: Thüringens Status als Kulturland steht auf dem Spiel. Das wissen auch Musiker anderer Sparten. Rockmusiker wie Gotte Gottschalk, Vital, The Polars und Kani solidarisieren sich mit der Thüringen-Philharmonie und geben morgen um 16 Uhr ein Konzert auf dem Gothaer Neumarkt.

Seit der Wende gab es in Thüringen Orchestersterben im Übermaß. Siebeneinhalb Orchester gingen verloren, drei durch Auflösung, die übrigen durch Fusion. Vierzig Prozent aller Planstellen wurden eingespart. Jede fünfte Stelle, die seit 1991 bundesweit in einem Orchester verloren ging, wurde in Thüringen gestrichen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Behält Finanzministerin Birgit Diezel Recht, werden ab 2012 weitere zehn Millionen Euro aus dem Theater- und Orchesteretat verschwinden. Dann würden "drei übrig gebliebene Theater und Orchester durchs ganze Thüringer Land ziehen", prophezeit die DOV - ohne Übertreibung.

Die Landesregierung munitioniert sich mit den immer gleichen Zahlen, etwa mit der Thüringer Kulturquote oder der überdurchschnittlich hohen Subventionierung von Theaterkarten. Statt den in Deutschland einzigartigen Thüringer Reichtum an Theatern und Orchestern als großes Plus des kleinen Landes hervorzuheben, stellt die Regierung ihn permanent als Belastung dar. Eine andere Zahl: Die zehn Millionen Euro, die ab 2009 auf Kosten der Theater und Orchester eingespart werden sollen, machen 0,1 Prozent des Landeshaushalts aus. Der offene Brief der Orchester zitiert dazu Bundestagspräsident Norbert Lammert: "Zur Konsolidierung öffentlicher Haushalte sind Kulturetats völlig ungeeignet: Dafür ist ihr Anteil an den Gesamtausgaben zu gering und ihre Bedeutung zu hoch."

Thüringen braucht seine Orchester, es braucht seine Orchestermusiker. Sie sind keine Produzenten elitärer Hochkultur. Sie sind die Künstler, ohne die das Land arm dran wäre. Sie sind - unter anderem - dringend benötigte Musikschullehrer und Partner von Jugend- und Laienorchestern.

Ohne sie droht das, was der offene Brief voraussagt: der kulturelle Abstieg..