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08.09.2005

Papiertauben aus dem Bauchladen

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) "Ich ringe mit Schillern ... Die Materie ist noch immer ein gewaltiger Brocken, aber ich fürchte auch, da würden uns irgendwann vor Anstrengung die Füller implodieren", schreibt der Literaturwissenschaftler André Schinkel aus Halle der Weimarer Schriftstellerin Gisela Kraft. Und die Empfängerin erwidert postwendend: "Vorsorglich tippe ich dieses direkt in den Laptop ..."

Zwei Schiller-Kenner im Dialog. Im Briefwechsel gar. Die Quellen sprudeln, und Gedanken springen hin und her. "Springquell", einem Schillerschen Distichon von 1796 entlehnt, steht für die neue Folge der Weimarer Lesekonzerte bis zum Ende des Schiller-Jahres. Neben Kraft und Schinkel, die am Sonnabend den Auftakt bestreiten, treten auch der Dichter Volker Braun (15. Oktober) und der Publizist Friedrich Dieckmann (19. November) auf den Plan. Die Meister des Wortes werden von Studenten und Lehrenden der Musikhochschule "Franz Liszt" auf Instrumenten begleitet. Den Abschluss bildet am 10. Dezember ein Balladen-Abend mit dem DNT-Schauspieler Bernd Lange und Anna Bellmann sowie Ingo Wernsdorf von der Weimarer Staatskapelle.

Es gehe nicht um Fragen der Verslehre, sondern darum, wie heutige Autoren die Nähe oder Ferne zu Schiller im Auf und Ab ihres Dichterlebens reflektieren, umschreibt Martin Straub vom Thüringer Lese-Zeichen e. V. das Konzept der Reihe, die von der Stadt Weimar, der Klassik-Stiftung und der Musikhochschule mitgetragen wird. Zu Beginn der Lesekonzerte wird der Jenaer Rezitator Martin Stiebert in Absprache mit den Autoren Schiller-Texte zu Gehör bringen.

Volker Braun trägt neue Texte vor

Zurück zum schillernden Brief-Dialog. Kraft: "Bei mir unten im Haus gibt´s Nussknacker zu kaufen. Ich glaube aber, wir brauchen einen aus dem Spielzeugladen, du weißt schon, so einen angemalten Holzweibel mit aufgerissener Fresse. Der knackt uns Schillern, ohne ihm ein Haar zu krümmen. Denn Schiller will, dass wir spielen." Schinkel: "Uns möchte ich empfehlen, verwegen unsere Bauchläden zu öffnen und unsere Papiertauben zu verschicken, gleichviel, ob sie Distanz erzeugen oder Nähe, das liegt in der Entscheidung, inwieweit der Schatten des Großen hinter uns steht oder zwischen uns fällt ..."

Spielerisch-ernster Umgang mit dem zeitlosen Klassiker also und ironische Seitenblicke auf gegenwärtige Formen seiner Verehrung. "Wir hier in Thüringen nagen kleinere Brötchen", konstatiert die Weimarerin. "Der Freistaat richtet für Schiller einen Staatsakt aus, die freien Schriftsteller dürfen nicht teilnehmen. Man vergaß nicht etwa, sie einzuladen, man wies sie ab!"

Nun kommen sie, Monat für Monat, halt doch noch zu Wort. Georg-Büchner-Preisträger Volker Braun stellt neue Lyrik und Prosa vor. Friedrich Dieckmann liest aus seiner Schiller-Biografie "Diesen Kuss der ganzen Welt". Zum Auftakt begleitet Samuel T. Klemke mit Stücken von Bach, Sor und Regondi.

i "Springquell"-Auftakt: Sonnabend, 17 Uhr, Villa Altenburg in Weimar