Presse - Details

 
25.09.2011

OTZ-Redakteur Marius Koity über seine Begegnung mit der rumänischen Staatssicherheit

von Marius Koity

OTZ-Redakteur Marius Koity erinnert sich in einem Text für die Anthologie "Mehrfachbelichtung - Rumänische Erkundungen" an seine unfreiwilligen Begegnungen mit dem rumänischen Staatssicherheitsdienst Securitate. Auszüge aus seiner Geschichte erscheinen in einer bearbeiteten Fassung hier vorab. Pößneck. "Er wollte mich einschüchtern. Ist es ihm gelungen? Kein Klischee, kein Kino, sondern REALITÄT. Es amüsierte mich eigentlich. Ihn nicht. Bin ich so gefährlich oder wichtig? Er sprach von Parteiaufgaben. Hinter geschlossener Tür. Brecht hätte glatt einen Herzinfarkt erlitten, wenn ihm die Partei so begegnet wäre! Er wollte mich einschüchtern. Ja, er verwirrte mich, brachte mich ins Schwitzen. Der Typ war kein Romanheld. Wird es mir zu bunt, gebe ich alles auf. Alles. Es würde keinen Sinn machen, ein Doppelleben zu führen. Ich frage mich, was mit meinem Tagebuch geschieht, wie lange ich es noch haben werde."

Ich habe es heute noch. Es besteht aus zwölf dicken Heften, in denen ich von 1982 bis 1992 meinen Alltag aufgeschrieben habe - mal mehr, mal weniger genau.

Am 15. Dezember 1988, als ich obige Zeilen zu Papier brachte, hätte ich nicht geglaubt, jemals öffentlich über diesen Tag sprechen zu können. Ich war 22 und seit zwei Wochen Reporter bei der "Neuen Banater Zeitung" (NBZ) in Timisoara (Temeswar), als ich ohne Vorwarnung Ioan Adamescu, Major des rumänischen Staatssicherheitsdienstes Securitate, vorgestellt wurde. Es war kein langes Gespräch, vielleicht mein kürzestes mit einem Securitate-Offizier. Durch den gnadenlosen Psycho-Druck, den der Major in wenigen Minuten aufbaute, war es aber jenes, das die tiefsten Kerben schlug, das bis in die Zeit nach dem Umsturz in Rumänien wirkte.

Anderthalb Jahre später, 1990, recherchierte Auslandsredakteur Bartholomäus Grill von der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" in Temeswar und ich begleitete ihn als Dolmetscher. Grill wollte Adamescu befragen - es hieß, der Major sei beim postrevolutionären rumänischen Geheimdienst SRI wieder in Amt und Würden. Auf dem Hof der SRI- und ehemaligen Securitate-Kreisdienststelle, wo wir auf Adamescu warten sollten, schlotterten mir plötzlich die Knie. Grill wurde klar, was Securitate bedeutete, wie körperlich die Angst war, die der rumänische kommunistische Geheimdienst zu verbreiten vermochte.

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, drei Securitate-Offiziere kennenzulernen. Ich war ihnen, wie ich heute weiß, mal ein "obiectiv", also ein "Ziel", mal ein "element", quasi ein Ding, das man so lange zu bearbeiten hatte, bis es passt. Psychischer Druck in jeder Hinsicht war dabei eines der beliebtesten Mittel.

So hatte Major Adamescu in der Unterredung vom 15. Dezember 1988 plötzlich nach meinem mittleren Bruder gefragt. Dieser leistete damals seinen Wehrdienst in einer Eisenbahnbau-Kompanie im Bergbaugebiet Valea Jiului, im Schiltal. "Sie wissen, da passieren Unfälle", sagte Adamescu. Ich wusste es, war ich doch drei Jahre zuvor ebenfalls Wehrpflichtiger im Schiltal gewesen als Soldat einer Bergbau-Kompanie im Untertage-Einsatz. "Sie wissen auch um Ihren Vater", legte der Major nach. Es sei doch nicht in meinem Interesse, wenn man von seinen Jugendsünden erfahren würde.

Die Securitate-Offiziere arbeiteten so gründlich, dass sie mich manchmal auch nachts heimsuchten. Unter dem 25. Juni 1989 habe ich in meinem Tagebuch gefunden: "Traum mit Edi Schneider und colonel P. - grausam!" Es muss so schlimm gewesen sein, dass ich dem Papier die Details des Alptraumes ersparte.

NBZ-Kollege und Kulturredakteur Eduard Schneider hatte sich zwei Monate zuvor, auf dem Weg nach Gera zu einem Besuch bei der DDR-Partnerzeitung "Volkswacht", von Ungarn aus in die Bundesrepublik abgesetzt und "colonel P." war der Securitate-Oberstleutnant Nicolae Padurariu, ein Stalinist wie er im Buche steht, den ich immer und immer wieder ertragen musste - erstmals am 20. November 1986.

Zu dieser Zeit hatte ich mit einem ersten Erfolg, dem Förderpreis des Temeswarer Literaturkreises "Adam Müller-Guttenbrunn", Gedichte geschrieben und war noch Hilfsarbeiter in der Konservenfabrik meiner Heimatstadt Sannicolau Mare (Großsanktnikolaus). Ich wusste erst nicht, ob und wie genau ich meinem Tagebuch das unfreiwillige Treffen mit einem Securitate-Offizier anvertrauen sollte. So sind unter dem 20. November 1986 nur wenige Zeilen zu finden, die aber recht eindeutig meine Gemütslage beschreiben: "Ogottogott! Da gehen Schlächter um. Mensch, such das Weite, Mensch." Fliehen, aber wohin?

Drei Tage später, unter dem 23. November, findet sich ein etwas konkreterer Bericht, mit dem ich mir vielleicht Mut machen wollte: "War teils ganz gelassen. Hände in den Hosentaschen, Beine ausgestreckt. Jedenfalls überließ ich dem Genossen nichts Schriftliches, wäre auch gelacht. Er schien enttäuscht. Ich bekam eine Telefonnummer, die ich nicht benutzen werde, und interessante Vorschläge, die mich kalt lassen. Die Schaufel nimmt mir sowieso keiner aus den Händen. Ich befürchte (vorläufig) nichts Schlimmes. Ich hatte nur vor Schlägen Angst." Die Securitate argumentierte im Zweifel durchaus mit der Faust.

Unter dem 15. März 1987, abermals drei Tage nach dem Ereignis, fand ich in meinen Heften diese Notiz: "Wieder suchte mich dieser Wolf mit Glatze auf." Oberstleutnant Padurariu hatte mich auf dem Weg zur Spätschicht abgefangen und zum Feierabend ins einzige Hotel am Platz bestellt. Die Atmosphäre sollte wohl entspannter sein. Bei einem Glas Wasser erzählte er mir, wie bedeutsam doch die Arbeit bei der Securitate sei. "Das Gespräch war streckenweise langweilig", steht in meinem Tagebuch. "Es gelang ihm wieder nicht, mich zu überzeugen, son Wisch zu unterschreiben", mir die Verpflichtung zur inoffiziellen Mitarbeit abzunehmen.

Er versuchte es mit Zuckerbrot, was sich im Tagebuch so niederschlug: "Der Arsch erzählte mir von Beförderungen, Auslandsreisen, fragte mich, wie ich denn in Temeswar wohnen möchte." Am Ende gab er mir wieder seine Telefonnummer.

In diesem dreistündigen Gespräch zitierte er plötzlich aus einem meiner Gedichte, "aus poezia cu ledi, cu semne egiptene, cu pasarea aia", also "aus dem Gedicht mit Lady, den ägyptischen Zeichen, diesem Vogel". "Der Arme!", hatte ich dazugeschrieben, denn er kam kaum klar mit meinem "Gedicht um Hanna", das 1986 in der Bukarester Zeitschrift "Neue Literatur" erschienen war, und ich fragte mich damals in meinem Tagebuch: "Wer übersetzt ihm wohl?"

24 Jahre später, am 27. April 2011, bekam ich in der Securitate-Unterlagen-Behörde CNSAS in Bukarest die Antwort. Es war der "informator", der "Informant" namens "Dan". Am 6. Februar 1987, wenige Wochen bevor ich den Oberstleutnant im Hotel treffen musste, hatte IM "Dan" der Securitate in einem handschriftlichen Bericht eine Interpretation des etwas verschlüsselten Liebesgedichtes geliefert. Dabei hatte er nicht ausgeschlossen, dass zwischen erotischen Zeilen eine politische Botschaft versteckt sein könnte. Ich musste lachen, als ich im CNSAS-Lesesaal diesen Bericht las. Es waren die einzigen lustigen Zeilen in meiner Securitate-Akte, einem "dosar de urmarire informativa", was man mit "nachrichtendienstliche Ermittlungsakte" übersetzen könnte. Der rumänische Begriff "urmarire" steht aber auch für "Überwachung" und für "Verfolgung".

Tatsächlich ließ Padurariu nicht locker. "Das Abenteuer Arschloch geht weiter", schrieb ich am 25. Juni 1987 ins Tagebuch. Der Oberstleutnant hatte mich wieder ins Hotel bestellt. Er beeindruckte mich mit seinem Wissen über meine damalige Freundin und sogar über deren Schwester. Er fragte mich wieder, wie ich denn wohnen möchte als Redakteur in Temeswar, wenn es mal so weit sein wird. "Der will mir Wanzen einbauen", kommentierte ich im Tagebuch. Des Oberstleutnants Traum, dass ich ihn bitte, mir eine Wohnung zu besorgen, habe ich nie erfüllt.

Zur Person

Marius Koity ist OTZ-Redakteur in Pößneck. 1966 in Großsanktnikolaus (Rumänien) geboren, arbeitete er ab 1988 als Redakteur bei rumänien-deutschen Zeitungen. 1992 übersiedelte er nach Deutschland und lebt in Gera. Seit 1984 veröffentlicht er Gedichte in Anthologien und Zeitschriften (u. a. "Palmbaum", Jena), für die er in den 1980er Jahren zwei Preise erhielt. Gelegentlich arbeitet er auch als Rumänisch-Übersetzer.