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17.11.2004

Opfer von Zensur, Vertreibung, Mord

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) "wenn du dieses gedicht liest / sterbe ich vielleicht in einer anderen stadt", schrieb der 1949 in Ankara geborene Behcet Aysan. Es war sein letztes Gedicht. 1993 wurde der türkische Dichter ermordet. Ein Schicksal unter vielen. Im Rahmen des diesjährigen weltweiten "Writers-in-Prison-Day" veranstaltet das Deutsche PEN-Zentrum gemeinsam mit dem Förderverein Netzwerk Städte der Zuflucht Weimar e. V. und dem Kulturamt der Stadt am 23. November einen literarischen Solidaritätsabend.

Unter dem Motto "Zensur - Gefängnis - Tod" stellen die Weimarer Schriftsteller Wulf Kirsten und Gisela Kraft Texte verfolgter Autoren aus zahlreichen Ländern vor. Erik Arellana Bautista, neuer Gast der Stadt der Zuflucht Weimar, liest aus seinem Essay "Mord als Zensurmethode" und berichtet vom Schicksal seiner Familie in Kolumbien. Gisela Kraft, Präsidiumsmitglied des Deutschen PEN, die im internationalen "Writers-for-peace-Komitee" mitwirkt, gibt im TLZ-Gespräch Auskunft über ihre Arbeit.

Sie lesen Texte von verfolgten Schriftstellern - was für Autoren sind das?

Die meisten dieser Autoren mussten ihr Land verlassen, weil sie durch ihre Veröffentlichungen in Konflikt mit der Macht gerieten. Manche landeten im Gefängnis, andere erhielten Publikationsverbot. Es sind auch Autoren darunter, die umgebracht wurden.

Die Lesung findet nicht zufällig in Weimar statt ...

Weimar ist eine Stadt der Zuflucht. Der Maler Walter Sachs kümmert sich als Vereinsvorsitzender um die Autoren, die hier zu Gast sind. Es war bis vor kurzem ein Kubaner hier. Davor ein Iraner. Jetzt ist ein Kolumbianer da, ein junger Journalist und Filmemacher, der in seiner Heimat Furchtbares erlebt hat.

Wie kann man diesen Menschen helfen?

Indem man ihr Schicksal an die Öffentlichkeit bringt. Einige Schriftsteller sind auf internationalen Druck frei gekommen, mussten allerdings ihr Land verlassen. Letztlich wurden auf diese Weise sogar Leben gerettet.

Welche Rolle spielt dabei die Autorenvereinigung PEN?

Der PEN ist eine weltweite Friedensbewegung - er hat 135 Mitgliedszentren in verschiedenen Ländern. Innerhalb dieser Organisation gibt es die Komitees "Writers in prison", "Writers in peace" und "Writers in exile". Wir wirken eng zusammen, und ich bin im deutschen PEN-Zentrum für die Friedensarbeit zuständig.

Was hat man sich darunter vorzustellen?

Wir haben ein paar Jahre lang Resolutionen verfasst - als deutscher PEN sowohl gegen die Bombardierung Afghanistans als auch gegen den Irakkrieg. Verhindert hat dies nichts, aber man muss seine Stimme erheben. Natürlich darf sich die Aktivität nicht im Protest erschöpfen, deshalb habe ich vor zwei Jahren begonnen, Informationsprogramme zusammenzustellen - zum Iran und zum Irak. Auf der Ebene der Landeskunde und der Literatur.

Sie waren auch mit einer irakischen Dichterin in Thüringen unterwegs.

Ja, in Jena, Suhl und Weimar.

Wie war die Resonanz?

Die Abende waren sehr gut besucht und die Leute äußerst aufgeschlossen und interessiert. Aber auch solche Programme wie jetzt am 23. November gehören für mich dazu: die Poesie von Dichtern vorzustellen, die unter den Bedingungen einer Diktatur leben und selbst eine Art von Friedensarbeit leisten, doch dabei behindert werden.

In diesem Jahr geht die Hermann-Kesten-Medaille des PEN für mutige Öffentlichkeitsarbeit und Zivilcourage nach Anklam.

Ich freue mich, dass mit "Bunt statt braun" zum ersten Mal eine Bürgerinitiative die vom Land Hessen gestiftete Zuwendung von 10 200 Euro erhält. Der Verein engagiert sich nicht nur gegen Rechts, sondern organisiert auch Kulturfeste, Lehrerfortbildung und Jugendarbeit in Cafés.

! Dienstag, 23. November, 19.30 Uhr, Stadtbücherei Weimar