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18.06.2007

Ode an den Platzregen

von Frank Quilitzsch TLZ

Ranis. (tlz) Was tun Dichter, wenn sie vom Wettergott geplagt werden? Sie verfassen eine Ode und tragen diese öffentlich vor. André Schinkel, Stadtschreiber zu Ranis, gab während des Literaturballs gleich ein gutes Dutzend zum Besten - hymnische Gesänge auf ortsbekannte Kneipen, Wirtsleute, Straßen, Burgmauern, Falken sowie Wetterkapriolen - und wurde ganz oben erhört: Zum Abschluss der 10. Thüringer Literaturtage am Sonntag spannte sich ein blauer Himmel über dem Burghof, und das Publikum strömte.
"Unwetterwarnung" heißt Schinkels in Ranis entstandenes Werk, das sich bereits im Satz befindet und von poetischen Erkundungen in der Ostthüringer Region künden wird. Die Heiterkeitsstürme, die diese Lyrik beim Publikum auslöste, verdeutlichten, wie nah sich Autor und Leser hier kommen und auf welch fruchtbaren Boden literarische Experimente rund um die Burg fallen. Beim "Katerfrühstück" nach durchzechter Ballnacht saß der Bürgermeister mit auf der Veranda im Raniser Altmarktstübchen.

"Es geht uns nicht in erster Linie um Quantität, aber wenn wir im zehnten Jahr trotz ungewisser Wetterlage mit rund 1300 Besuchern einen Teilnehmerrekord verbuchen können, zeigt das, dass wir mit unserem Konzept richtig liegen", zog Martin Straub, Geschäftsführer des Lese-Zeichen e. V., gestern eine erfreuliche Bilanz. Dass die Schauspielerin Jutta Hoffmann 160 Leute anzog, überraschte ihn nicht. Erwartungsgemäß sorgten Schriftsteller wie Feridun Zaimoglu, Clemens Meyer, der Renft-Gitarrist Cäsar Peter Gläser und die Sängerin Angelika Mann oder der von MDR-Radio Figaro live interviewte Journalist und Buchautor Alexander Osang für Andrang. Aber dass die Lyriklesung mit Uljana Wolf, Nancy Hünger und Werner Söllner wie auch die Präsentation der Thüringer Literaturzeitschrift den Museumssaal füllten, zeuge von einem anspruchsvollen, in seinen Interessen differenzierten Publikum, so Straub Freilich hatte "Palmbaum"-Herausgeber Jens-Fietje Dwars zwei überregional bekannte Thüringer Dichter als Mitautoren zur Seite. Gisela Kraft las einen Auszug aus ihrer entstehenden Autobiografie. Wulf Kirsten trug auf die Region und deren Geschichte bezogene Lyrik vor, darunter ein Weimar-Gedicht aus dem aktuellen, dem "Mythos Weimar" gewidmeten "Palmbaum"-Heft. Dwars machte deutlich, wie sich die Zeitschrift in laufende kulturpolitische Debatten einmischt; der Thüringer Theater-Streit war unlängst Titelthema, im kommenden Heft soll es um literarische Orte in Thüringen gehen.

Die zehnten Thüringer Literaturtage waren in vielerlei Hinsicht bewegend: Wind rüttelte, Wolken jagten, Regen schauerte, und zwischendurch lachte schadenfroh die Sonne. Rein in die Kartoffeln! Raus aus den Kartoffeln! - Vor allem am Sonnabend rissen die unfreiwilligen Umzüge nicht ab.

Aufregung auch vor dem spektakulärsten Ereignis, dem ersten Thüringer Literaturball. Zwar war er seit Wochen ausgebucht, doch bange Fragen blieben: Würden die in festlicher Kleidung erschienenen Bücherfreunde das Tanzbein schwingen? Und würde die Konzentration für die künstlerischen Einlagen bis Mitternacht reichen? Die Band "Blue Line" legte los, und schon brachen zwischen Autoren, Lesern, Bibliothekaren, Buchhändlern und Sponsoren die Dämme: Buffet, Musik, Moderation, kabarettistisches und literarisches Entertainment - alles von bester Güte. Und noch etwas erfüllte den Cheforganisator Straub mit großer Freude: "Der gesamte Vorstand des Lese-Zeichen e. V., viele weitere Vereinsmitglieder und etliche ehrenamtliche Helfer, auch von anderen Vereinen, alle zogen an einem Strang."

Auch wenn nun erst einmal wieder Ruhe in die Raniser Literaturburg einkehrt, gehen die Literaturtage in anderen Regionen Thüringens weiter: am kommenden Wochenende in Jena, Weimar, Knau und Limlingerode. Apropos Überraschungen: Krimi-Autor Wolfgang Schorlau kam ohne Buch in Ranis an. Sein Leseexemplar war ihm während der Zugfahrt geklaut worden.