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06.01.2010

Nutzt eure Talente und vertieft das Gedächtnis!

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) "willkommen wo du / wie auf leisen pfoten / auf gedanken gehst // lass gut sein / pochende uhren / erleuchtete fenster ..."
"anderswo" hat Gisela Kraft dieses unveröffentlichte Gedicht genannt, das - wie so viele aus persönlichem Anlass geschrieben - Trost spenden sollte. Und es spendet Trost, auch heute, da sie selber nur noch über ihr Werk und aus unserer Erinnerung zu uns sprechen kann. In der Nacht zum Dienstag ist die bekannte Weimarer Lyrikerin, Erzählerin und Nachdichterin im Alter von 73 Jahren in der Bad Berkaer Klinik gestorben.

Von schwerer Krankheit gezeichnet, konnte sie auf ein bewegtes, erfülltes und literarisch ertragreiches Leben zurückblicken. "ich wollte ein regal bauen", schrieb sie einmal in der ihr eigenen hintergründig-heiteren Art, "aber ich baute einen vers / darin viele bücher platz hatten": Gedichtbände vor allem, Romane, Erzählungen, Erinnerungsbände, Collagen, Nachdichtungen und Essays.

Das Leben in vollen Zügen weiter leben

Zwischen 1979 und 2006 erschienen neun Lyrikbände. Gisela Kraft hat mit ihrer Novalis-Romantrilogie, die nach mehr als zwanzigjähriger Beschäftigung mit "Planet Novalis" ihren Abschluss fand, einen originären Beitrag zur Pflege des Romantik-Erbes geleistet. Ihr umfangreiches Schaffen als Nachdichterin aus dem Türkischen und Arabischen kulminierte 2008 in dem preisgekrönten Band "Die Namen der Sehnsucht" mit Gedichten von Nâzim Hikmet, der einschließlich des dafür verfassten Essays eine neue Sicht auf den türkischen Poeten vermittelt.

Beispielhaft auch, wie die Wahlweimarerin mit ihrem Krebsleiden umgegangen ist, wie sie trotz aller Handicaps ihrem Grundsatz treu blieb, den sie anlässlich ihres 70. Geburtstags so formuliert hatte: "das Leben in vollen Zügen weiter leben". Also arbeiten. Also lesen. Also Geselligkeit. Gespräche mit Freunden, Widersachern und Sympathisanten. Worte und Whisky. Cello und Theater. Poesie und Gewürz. "Aus Mutter Tonantzins Kochbuch" nannte sie liebevoll ihre Gedichtauswahl in der Reihe Ornament, zu der Ullrich Panndorf wunderbare Holzschnitte schuf.

Ihre optimistische Grundhaltung drängte die zuletzt stark gehbehinderte Dichterin ins Leben. Wenige Tage vor Weihnachten haben wir noch zusammen in Tiefurt gelesen. Heiligabend hat sie die TLZ-Leser exklusiv mit einer Weihnachtsgeschichte ("Wie der Hamster zu seinem goldenen Fell kam") beschenkt. Nie sollte die Krankheit die Oberhand über die Dichterin erlangen, dafür kämpfte sie wie eine Bärin. Oder wie eine Schlange - ein Vergleich, der ihr (siehe die bei Eremiten erschienene Erzählung "Prinz und Python") vielleicht sogar näher stünde.

Ihre kunstvolle Prosa ist vielfach autobiografisch gespeist. Kein Wunder bei solchem Lebenslauf: Gisela Kraft wurde 1936 in Berlin geboren. Ihr Erstberuf war Tänzerin. Sie hatte eine Ausbildung in Schauspiel und Eurythmie absolviert, arbeitete an West-Berliner Bühnen und tourte durch Europa. Von 1972-1978 studierte sie Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin und promovierte über den türkischen Dichter Fazil Hüsnü Daglarca. Ab 1977 veröffentlichte sie erste Gedichte. 1984 wechselte sie nach Ost-Berlin, wo sie eine Anstellung als Übersetzerin fand und ihre Recherchen über den Dichter Freiherr von Hardenberg, genannt Novalis, vorantreiben konnte.

Deutsch-deutsche Erinnerungen

Dass sie in den Osten kam, war weniger eine politische Entscheidung. Sie war ihrer Rolle als Übersetzerin und Frau geschuldet. Weil sie es gewagt hatte, das Bedreddin-Epos von Nâzim Hikmet zu übertragen, wurde sie von türkischen linken Intellektuellen angefeindet. Davon und über ihre zwiespältigen Erfahrungen mit der DDR erzählt sie in ihren bewegenden deutsch-deutschen Erinnerungen "Mein Land, ein anderes". Die Arbeit an dem Manuskript hat ihr bis zuletzt Kraft gegeben. Es abgeschlossen zu haben, genoss sie als großes Glück. Es veröffentlicht zu sehen, war ihr nicht mehr vergönnt.

"keine träne kein lidschlag / ein tau wäscht die hüllen / von aller welts blöße", heißt es in "anderswo". Poesie war für sie eine Weltsprache, mit der sie über alle Grenzen hinweg ruhlos unterwegs war, als Versschöpferin und -vermittlerin zwischen den Kulturen und Zeiten.

Die Klassikstadt hat Gisela Kraft 2006 den Weimar-Preis verliehen und bekam im Gegenzug ein Fest der Poesie geschenkt - Verse, Verse und nochmals Verse beflügelten die öffentliche Stadtratssitzung. Gewürdigt wurden der Preisträgerin Einsatz für Toleranz und ihre völkerverbindenden Aktivitäten, mit denen sie das Kulturleben zwischen Ilm und Ettersberg bereicherte.

Gegen bürokratische Widerstände hatte sie auf dem Weimarer Marktplatz einen Pflasterstein für den Dichter Jean Paul ertrotzt. Über den PEN-Club und als Delegierte im Writers-for-Peace-Komitee holte Gisela Kraft Dichterinnen aus dem zerstörten Irak, aus den vom Krieg gebeutelten Tschetschenien und Simbabwe zu Lesungen nach Weimar, organisierte eine Reihe "Morgenland für Frühaufsteher", in denen deutsche und arabische Poeten gemeinsam auftraten, und lieh immer wieder während eigener Lesungen den Zunftschwestern und -brüdern aus dem Orient ihre Stimme. Man darf sie eine nachklassische Hafis-Freundin und praktizierende Herderianerin nennen, die tapfer gegen das Feindbild Islam zu Felde zog.

Liebe zu Weimar und Wieland

Weimar und Wieland waren ihre letzte große Liebe. Ihre Großmutter hatte hier gelebt, die sie als Kind besuchte, in den Zeiten der Bomben und Trümmerberge. Nachzulesen in dem wunderbaren Familienporträt "Rundgesang am Neujahrsmorgen" (Edition Muschelkalk). Ohne diese emotionale Verwurzelung, betonte Gisela Kraft immer wieder, wäre sie nicht in die DDR und später nach Mitteldeutschland gekommen. Ein anderer, sehr triftiger Grund heißt: Novalis. Mit ihrer Trilogie hat sie dem Dichter und Verfechter technisch-sozialer Utopien ein lebendiges Denkmal gesetzt.

"Was tun, Poeten und Bürger?" rief die Weimar-Preisträgerin den Abgeordneten im Stadtrat zu. "Nutzt eure Talente, vertieft das Gedächtnis und lasst nimmer zu, dass einem traditionsreichen, geschichtsträchtigen Nationaltheater Organe entnommen werden!" Der beste Trost bleibt jene unnachahmliche poetische Heiterkeit, die selbst noch aus ihren traurigsten Versen spricht - hier und "anderswo": "willkommen / in der luft / die wir atmen"!