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15.06.2009

'Noch nie an einem so schönen Ort gelesen'

von Mario Keim TLZ

Ranis. (tlz) Es war wie eine Begegnung mit einem guten Bekannten, als Fritz Pleitgen vor seine Zuhörer in Ranis traf. "Ich habe schon an vielen Orten gelesen, aber noch nie an einem solch schönen wie diesem", sagte der bekannte TV-Journalist und Buchautor zu Beginn seiner Lesung bei den 12. Thüringer Literatur- und Autorentagen auf der Burg. Bereits die Begrüßung baute eine Brücke zu den gut 250 Besuchern. Und der 71-Jährige mit seiner markanten, warmen Stimme fühlte sich gut aufgehoben.
"Die Zuhörer waren sehr interessiert und aufgeschlossen", sagte später Pleitgen, der von seiner jüngsten journalistischen Arbeit erzählte, ehe er aus seinem 2008 erschienenen Buch "Väterchen Don. Der Fluss der Kosaken" las. Als Vorlage für die Auseinandersetzung mit dem Leben der Kosaken diente dem Autor Michael Scholochows "Der stille Don".

"Wir hatten Fritz Pleitgen schon einmal eingeladen und daraufhin einen solch freundlichen Absagebrief erhalten, der uns damals fast entschädigte", begrüßte Martin Straub vom gastgebenden Lese-Zeichen e.V. seinen Gast Pleitgen, der seit 2007 Vorsitzender der Geschäftsführung der Ruhr 2010 GmbH ist und dort Europas Kulturhauptstadt 2010, das Ruhrgebiet, vertritt.

Mit der Einladung Pleitgens, aber auch dem Gastspiel Gunter Emmerlichs gestern Abend vor 300 Zuhörern ist sich der Lese-Zeichen e.V. treu geblieben, die gesamte Bandbreite der deutschen Gesellschaftsliteratur widerzuspiegeln, aber auch Unterhaltungsformen wie Musik, Tanz und Theater in das Wochenende einzubauen. Mit dem Poetry Slam am Freitag, einer Form des Dichterwettstreites in Worten und einer munteren Abstimmung durch das Publikum, gehen die Veranstalter in Ranis hingegen seit dem vergangenen Jahr neue Wege. Dazu zählt auch der Literaturball, der zum dritten Mal stattfand.

"Hut ab vor zwölf Jahren. Das muss man erst mal schaffen. Es ist der sehr aktiven Arbeit des Vereins zu verdanken, dass es die Literaturtage auf diesem Niveau gibt. Und sie kriegen richtig gute Leute ran", ist der Heidelberger Promotionsstudent Stefan Eim begeistert von der Arbeit des Jenaer Vereins, der seit 1998 in Ranis die Literaturtage veranstaltet. Deshalb hat sich Eim vor drei Monaten ebefalls dem Lese-Zeichen e. V. angeschlossen und gehörte am Wochenende zu den aktiven Helfern.

Arbeit möchte es Buchhändlerin Gabriele Könitzer nicht nennen, wenn sie alljährlich an vier Tagen, darunter Samstag und Sonntag, an ihrem Stand steht. "Es ist ein langes Wochenende, auf das wir uns ein Jahr vorbereiten. Schön ist das besondere Flair der Burg und die vielen interessanten Leute, die hierher kommen", sagt die Raniserin, die im benachbarten Pößneck arbeitet. In der dort ansässigen GGP Media GmbH steht auch Europas größter Maschinenpark für Bücher im schwarz-weiß-Druck. Mehrere der Bücher Pleitgens liefen hier vom Band. "Ich habe schon zwei Bücher von ihm. Jetzt werde ich sie endlich einmal lesen", sagte GGP-Mitarbeiter Wolfgang Lutz nach einer für ihn beeindruckenden Lesung.

Auch Anke Scheller, Projektleiterin auf der Raniser Literatur- und Kunstburg, schwärmte von Pleitgen als einer charismatischen Erscheinung. Für sie begannen die Literaturtage indes mit einem Schock: der kurzfristigen Absage Max Goldts, der sich den Fuß gebrochen hatte. Als "Ersatz" sprang "Titanic"-Autor Rayk Wieland mit seinem Buch "Ich schlage vor, dass wir uns küssen" ein. Allerdings musste er, wie Scheller bedauert, nach der Lesung flugs wieder davon.

Juli Zeh und ihr neuer "Corpus delicti"-Roman, das Lyriker-Trio Thomas Rosenlöcher, Bärbel Klässner und Harry Weghenkel, Koryphäen der Poetry Slamer, Gunter Emmerlich, bombastisches Wetter, Bratwurst und Bier und 1200 Gäste insgesamt: So zieht Scheller mehr als zufrieden Bilanz.