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15.06.2011

"Noch jahrelang im Traum verhandelt". Lothar de Maiziére liest in Ranis

von Ulrike Merkel Ostthüringer Zeitung

Lothar de Maiziere (l) und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher bei der Vertragsunterzeichnung des Deutschlandvertrages am 12. September 1990 in Moskau. Archivfoto: OTZ

Lothar de Maiziere liest am 16. Juni bei den Literaturtagen in Ranis aus seinem Erinnerungsbuch. Zuvor sprach er mit OTZ über das Jahr als letzter DDR-Ministerpräsident, die Verhandlungen zum Einigungsvertrag und die Morddrohung der RAF.

Herr de Maiziere, Sie lesen morgen, 20 Uhr auf Burg Ranis aus Ihrem Erinnerungsbuch "Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen". Für einen historischen Rückblick haben Sie einen sehr persönlichen Titel gewählt.

Meine älteste Tochter hat damals zum Beispiel in der Schule verschwiegen, dass sie in Pankow-Heinersdorf in der Kantorei mitgesungen hat. Sie war auf der Händel-Oberschule, eine Spezialschule. Dort wurde nicht gelitten, dass sie in der Kirche Musik machte. Es gab auch immer wieder heikle Fragen von den Kindern, die ich sonntags am Mittagstisch wahrheitsgemäß beantwortet habe, bei denen wir aber für die Schule eine etwas andere Wahrheit vereinbart haben.

War das Jahr als DDR-Ministerpräsident das anstrengendste Ihres Lebens?

Das kann man so sagen. Das hat sich darin gezeigt, dass ich damals furchtbar abgenommen habe. Dieser Verantwortungsdruck. Vorher hatte ich immer 160 Mandanten im Jahr in meinem Anwaltsbüro. Plötzlich hatte ich 16 Millionen Mandanten. Ich habe danach noch Jahre im Traum den Einigungsvertrag verhandelt.

Wie sah damals Ihr Tagesablauf aus?

Ich wurde früh 6.30 Uhr abgeholt und nachts halb zwei heimgebracht. Mal haben wir diesen Weg, mal jenen Weg genommen.

Wollte man Sie vor potenziell radikalen Einigungsgegnern schützen?

Nein. Ich hatte den klassischen Personenschutz. Allerdings hatte die RAF einen Drohbrief geschrieben. Die DDR hatte ja zehn RAF-Terroristen Unterschlupf gewährt. Die hatten wir der Bundesrepublik überstellt. Daraufhin bekamen wir diesen Brief, dass wir, die damit befasst gewesen seien, zum Tode verurteilt seien. Und gegen den westdeutschen Staatssekretär Neusel wurde auch 14 Tage später auf der Autobahn bei Bonn tatsächlich ein Bombenanschlag verübt, bei dem er glücklicherweise nur leicht verletzt wurde.

Wohin ging's dann jeden Morgen als erstes?

Zum Ministerrat, in mein Büro. Als erstes stand die Lagebesprechung an. Dabei anwesend war entweder mein Regierungssprecher Matthias Gehler oder die stellvertretende Regierungssprecherin Angela Merkel . Die trugen vor, was die Zeitungen der Welt von unserem Tun am Vortag berichtet hatten. Dann wurde der Tagesablauf besprochen. Wir hatten ja fast täglich Volkskammersitzungen. Mittags von 1 bis 2 Uhr habe ich jedoch immer geübt.

Was haben Sie geübt?

Bratsche. Ich hatte Justus Frantz versprochen, beim Mecklenburg-Vorpommern Musikfestival als Solist zu spielen. Dann aber wurde ich Ministerpräsident und habe ihn angerufen: "Lieber Herr Justus Frantz, Plan geändert, ich muss jetzt regieren." Darauf meinte er: "Eine bessere PR-Nummer können wir gar nicht kriegen. Sie müssen spielen." Dann habe ich tatsächlich jeden Tag mittags geübt und hatte dadurch das Gefühl, eine Stunde tust du nur was für dich selbst. In meinem Büro gab es hinter dem Arbeitszimmer einen kleinen Raum, den meine Vorgänger, also die alten Herren wie Stoph und Sindermann, einrichten ließen mit einem Sofa, dass sie dort mal Mittagsschlaf halten konnten. Dort habe ich dann immer geübt.

Worauf sind Sie im Einigungsvertrag besonders stolz?

Zum Beispiel, dass wir durchgesetzt haben, dass alle in der DDR erworbenen Berufs- und Ausbildungsabschlüsse sowie akademischen Grade anerkannt bleiben. Ich habe gesagt, ich will nicht, dass man den Menschen ihre Biografie nimmt. Ein anderes Beispiel kommt aus dem Zivilrecht. In der DDR war das unehelich geborene Kind voll erbberechtigt. In der Bundesrepublik nicht. Und ich hab durchgesetzt, dass es bei uns blieb, wie es war. Frau Leutheusser-Schnarrenberger hat dann in der zweiten Kohl-Ära in den 90er Jahren die DDR-Regelung für ganz Deutschland übernommen.

Wobei konnten Sie sich nicht durchsetzen?

Bei der Eigentumsregelung an Grund und Boden. Dort hat die Bundesregierung größtenteils das Rückgabe-Prinzip durchgesetzt. Wir aber haben wenigstens die Ausnahmen beschrieben, wie etwa, was nach DDR-Recht redlich erworben ist, kann nicht zurückgegeben werden.

Wie sehen Sie die nicht enden wollende Ostalgie?

Ich kann das nicht begreifen. Am ehesten kann ich das noch bei denen verstehen, die früher in exponierter Stellung waren und heute nichts mehr sind. Aber manche von diesen Ostalgikern wollen heute so leben, wie sie leben, wünschen sich aber die Geborgenheit, die Kuscheligkeit der alten Zeit zurück. Das Leben ist heute bunter, farbiger, aber auch anstrengender geworden.

Sie sind mit Gorbatschow befreundet. Wie verständigen Sie sich?

Auf Russisch. Ich habe mir 1968 von einer Konzertreise in der Sowjetunion eine Tuberkulose mitgebracht und musste ein Jahr ins Krankenhaus. Da habe ich mir den "Zauberberg" von Thomas Mann geholt. Den hatte mir mein Stationsarzt weggenommen und gesagt: "So was wird hier nicht gelesen." Und da hab ich mir meine Russisch-Bücher geholt und in dem ganzen Jahr Russisch gepaukt.

Waren Sie bereits in Ranis?

Noch nicht. Thüringen kenne ich aber ganz gut. Ich bin Ehrenbürger von Nordhausen, weil ich dort geboren wurde. Ich bin zwar an sich preußischer Hugenotte, aber meine Mutter ist zu ihren Eltern gefahren, um mich zur Welt zu bringen. Auch einen Teil meiner frühen Kindheit habe ich in Nordhausen verbracht, weil wir in Berlin ausgebombt waren.