Presse - Details

 
07.09.2002

Nietzsches Schreibkugel - Eine Leseprobe

von Kai Agthe TLZ

Die Kugelkopfschreibmaschine aus dem Besitz Friedrich Nietzsches befindet sich
im Nachlass, der von der Stiftung Weimarer Klassik verwaltet wird. Foto: Sigrid
Geske

Es existiert kaum ein biografisches Detail, das von der Nietzsche-Forschung
nicht ausführlich untersucht worden wäre. Da stimmt es nachdenklich, dass eine
so tragikomisch anmutende Episode wie Nietzsches Anschaffung und Gebrauch einer
Schreibmaschine bislang nicht in ihren Einzelheiten betrachtet wurde, obwohl die
Briefe des Philosophen anschaulich über das Drama berichten. Bemerkenswert ist
das Thema, weil Nietzsche zu den ersten namhaften Schreibenden des 19.
Jahrhunderts gezählt werden darf, die sich für diese Erfindung des
Maschinenzeitalters erwärmen konnte.

Das Thema taucht mit einem Mal auf und hält sich zwischen 1881 und 1883
hartnäckig in Nietzsches Korrespondenz. Im Sommer 1881 unterrichtet er in einem
Brief Heinrich Köselitz erstmals von seinem Vorhaben, sich die lästige Arbeit
des Schreibens durch den Kauf eines mechanischen Geräts erleichtern zu wollen.
"Die Anschaffung einer Schreibmaschine", so Nietzsche am 14. August an Köselitz,
"geht mir im Kopf herum, ich bin in Verbindung mit ihrem Erfinder, einem Dänen
aus Kopenhagen."

Der Plan wird in Briefen entwickelt

Kaum eine Woche später erwähnt er auch gegenüber dem Basler "Ur-Freund" Franz
Overbeck seinen Plan, einen solchen Apparat erwerben zu wollen. In dem Brief vom
20. August nennt Nietzsche auch die Gründe, die ihn zu diesem Schritt
veranlassen. Der Philosoph erhoffte sich weniger eine zeitliche Entlastung,
sondern vielmehr eine Erleichterung für seine kranken Augen, wenn er das
Schreiben mittels der dänischen Erfindung von "Hern. Melling-Hansen"
mechanisieren könnte. "... ein solches Instrument", so Nietzsche, "bei dem die
Augen nach einer Woche Übung gar nicht mehr thätig zu sein brauchen, wäre
unschätzbar für mich." Wie Reinhold Jaretzky in seinem Dokumentarfilm "Der Fall
Nietzsche" (1999) zu berichten weiß, soll die Schreibmaschine zunächst für
Blinde und Taubstumme entwickelt worden sein.

Doch leider krankte Nietzsche nicht nur an den Augen, sondern auch an der
Geldbörse. Für ihn, der seit seiner Pensionierung (von Ruhestand zu sprechen,
wäre ein Euphemismus) immer bescheiden gelebt und große Ausgaben vermieden hat,
käme der Kauf einer Schreibmaschine einer seine Finanzen zerrüttenden
Großinvestition gleich. Die anfallenden Kosten listet er für Overbeck so
detailliert auf, als habe auch jener ein derartiges Gerät bestellt: "... aber es
ist nichts für mich ,Armen-Mann´ - mit Kasten und ,zur Versendung bereits
verpackt´, also noch ohne Transport kostet es 375 R. Mark." Liebevoll, als
handle es sich um die Mitteilung der Geburt eines Stammhalters, beschreibt
Nietzsche auch die Maße des "Wunschkindes": "Es wiegt 6 Pfund und ist 8 Zoll
lang." Damit sich der Freund in Basel ein Bild machen könne, legt Nietzsche
seinem Brief vom 20. August 1881 auch "eine Schriftprobe" des anschauliche
Großbuchstaben druckenden Geräts bei.

Einen Tag später wird auch des "armen Mannes" Schwester Elisabeth in Naumburg
von der Kaufabsicht in Kenntnis gesetzt. Die Angaben, die er macht -
einschließlich der Beteuerung, dass solch ein "Instrument" nur "für reiche
Leute" sei -, entsprechen denen, die er bereits im Schreiben an Overbeck
erwähnte. Hier erfahren wir freilich, dass der Schutzkasten wie bei einem
optischen Gerät aus edlem - und heute praktisch nicht mehr verfügbarem -
Mahagoni gefertigt ist.

Monate gehen ins Land, bevor er in der Adventszeit 1881 erneut auf sein Ansinnen
zu sprechen kommt. Wurde die Schreibmaschine in den Wochen zuvor nicht erwähnt,
weil Nietzsche tief in der Arbeit an seinem neuen Buch steckte (nachdem 1881
"Morgenröte" erschienen war, schrieb Nietzsche zu dieser Zeit intensiv an der
"fröhlichen Wissenschaft", die 1882 publiziert werden sollte), so klingt die
Notwendigkeit ihres Kaufs jetzt dringender denn je. Aus Genua teilt er am 4.
Dezember 1881 Elisabeth in Naumburg mit, dass er sich entschieden habe: "Also:
ich will die Maschine kaufen ..." Den Entschluss habe ihm, wie er der seit
Kindertagen "Lama" genannten Schwester wissen lässt, sein Augenleiden diktiert:
"Ja, die Schreibmaschine ist unentbehrlich (sonderbar! ich hatte sie aus den
Gedanken verloren und doch leide ich so an den Augen! sie sind bei jedem Anfall
sehr betheiligt!)."

Die amerikanische ist ihm zu schwer

Nur 24 Stunden später adressiert er erneut ein Schreiben nach Naumburg, um das
Anliegen nochmals zu konkretisieren. Da ihm Herr Melling-Hansen "zweimal
geschrieben und Proben, Abbildungen und Urtheile Kopenhagener Professoren" über
die Invention geschickt habe, votiert er für die Melling-Hansensche Maschine:
"Also diese will ich (nicht die amerikanische, die zu schwer ist)." Die
Marginalie in Klammern zeigt an, dass Nietzsche über den Stand der weltweiten
Schreibmechanisierung bestens informiert war - und der Däne natürlich nicht als
Erfinder der Schreibmaschine schlechthin anzusehen ist, mag ihn Nietzsche auch
so bezeichnet haben. Melling-Hansen hat sein Ungetüm aber so konstruiert, dass
es wesentlich leichter war als "typewriters made in USA". Für einen zur
ständigen Wanderschaft gezwungenen Schreibenden wie Nietzsche war die Frage des
Gewichts, wie sich denken lässt, von einiger Relevanz.

Dass er seine Lisbeth nach Leipzig schickte, wo sie das von ihm ins Auge
gefasste Modell anzusehen und zu beurteilen hatte, teilt er dem Leser seiner
Briefe über einen Umweg mit. In einem Ton, der nach Selbstrechtfertigung klingt,
lässt Nietzsche seinen Freund Overbeck am Nikolaustag 1881 wissen, dass die
"Schreibmaschine eine Notwendigkeit geworden (ist), ich habe den Auftrag dafür
gegeben, meine Schwester war deshalb in Leipzig und hat dort eine solche
arbeiten sehen". Dem Freund und Sekretär Heinrich Köselitz, der gewöhnlich per
Hand die Reinschrift von Nietzsches Manuskripten übernahm, kann Nietzsche aus
Genua am 18. Dezember nur mitteilen, dass die Schreibmaschine wohl "erst in
einem Vierteljahre" eintreffen wird.

Noch kann er die mechanische Arbeitshilfe nicht sein eigen nennen, da tagträumt
er in einem Brief an Mutter Franziska und Schwester Elisabeth von einem anderen
"Instrument", das ihm das Arbeiten wesentlich vereinfachen würde: "Nach der
Schreibmaschine wäre eine Vorlesemaschine eine sehr schöne Erfindung. Jeder
Vorlese-Mensch ist eine Störung für ein denkendes und sensibles Thier, wie ich
bin." Wird gewöhnlich auch gesagt, dass man nicht vermisst, was man nicht kennt,
so weist Nietzsches Wunsch weit über seine Zeit hinaus, mindestens ein
Jahrhundert. Musste der Philosoph einen solchen Apparat entbehren, so hat er
wenigstens eine Leselampe besessen, die, künstlich beleuchtet und mit einer
großen Linse versehen, dem "Dreiviertelsblinden" das zu Lesende erheblich
vergrößerte. Das Gerät, dessen Gestalt an eines der ersten Mikroskope erinnert,
hat sich im Nachlass Nietzsches erhalten.

Das Jahr 1881 ging ins Land, und auch der Januar 1882 neigte sich bereits dem
Ende zu, da sieht sich Nietzsche am vorletzten Tag des Monats genötigt, aus
Genua einen Brief des Dankes und des Tadels an seine Schwester zu schreiben. Man
ist überrascht zu lesen, dass Nietzsche zwischenzeitlich nicht nur eine
Schreibmaschine bekommen hat, sondern diese ihm von der Schwester (und wohl auch
von der Mutter Franziska) sogar als Geschenk übersandt wurde: "Ja, wie soll ich
Dir nur gleich aufwarten, meine geliebte Schwester? Ich bin nämlich mit Deiner
Schreibmaschinen-Schenkung noch nicht bei mir im Reinen: wenn ich Dich
wiedersehe, werde ich Einiges zu sagen haben, was ich nicht zu schreiben wüßte."

Transportschaden nach der Ankunft

Verhaltener Unmut, dass ihm so etwas Teures geschenkt worden ist, mischt sich
hier mit der Freude, das ersehnte Instrument endlich erhalten zu haben. Doch, um
es vorweg zu nehmen, viel Glück sollte dem kurzsichtigen Nietzsche mit dem
dänischen Gerät nicht beschieden sein. Kaum hat er sein so lange
herbeigewünschtes "Instrument", da beginnt eine - sagen wir - "mechanische
Passion".

Darf man den Angaben glauben, die Nietzsche am 5. Februar 1882 in einem Brief an
Köselitz macht, hat er, seit die Maschine in Genua ist, noch nicht einen Satz
auf ihr tippen können - wegen eines Transportschadens. Einen Mechanikus kann er
zwar ausfindig machen, doch muss zunächst offen bleiben, ob der dem sensiblen
Wesen aus dem hohen Norden gewachsen ist: "Die Schreibmaschine (eine Sache von
500 frs.) ist hier, aber - mit einem Reise-Schaden: vielleicht muß sie wieder
zur Reparatur nach Kopenhagen, heute werde ich von dem ersten hiesigen
Mechaniker darüber Bescheid erhalten." Doch gut Ding, so war´s schon immer, will
Weile haben. (...) i Die Leseprobe stammt aus dem mit dem Caroline-Förderpreis
der Stadt Jena ausgezeichneten Essay ",Diese Maschine ist delicat wie ein
kleiner Hund und macht viel Noth´ - Vom Nutzen und Nachteil einer
Schreibmaschine für das Leben". Der Autor hat in Jena Germanistik studiert und
ist in Thüringen als Publizist und Herausgeber tätig.