Presse - Details

 
12.07.2006

Nicht zurück in Zeiten des Kalten Krieges!

von Wulf Kirsten TLZ

Was Frau Neubert zu dem Maler Werner Tübke äußerte (siehe TLZ-Interview mit der Landesbeauftragten für die Staatssicherheitsunterlagen vom 8. Juli), kann ich nicht unwidersprochen hinnehmen. Ganz egal, ob da aus Inkompetenz, Ignoranz oder aus einer persönlichen Animosität Meinung, die Stimmung macht, verbreitet wird, von jemandem, der den Freistaat Thüringen und somit zugleich die errungene Demokratie repräsentiert: Die Äußerungen gehen haarscharf an der Wahrheit vorbei. So nicht! Würden wir in diesem apodiktisch diktierten Tonfall und mit derlei Geschichtsverzerrungen arbeiten, wären wir auf dem besten Wege, zu den Methoden und Attacken des Kalten Krieges zurückzukehren.

Ich fühle mich mitbetroffen als Schriftsteller und als einer, der Tübkes Weg, Tübkes (sicher nicht immer widerspruchsfreies) Verhalten seit den fünfziger Jahren mitverfolgt hat, teils zustimmend, teils kritisch. Aber Tübke war kein "Staatskünstler par excellence". Der sich an dieses (Tot-)Schlagwort anschließende Kommentar zeugt von einer bemerkenswerten Intelligenzfeindschaft gegenüber einem großen Künstler, der mir (ich vertrete nur mich persönlich!) als Jahrhundertgestalt gilt, ungeachtet all seiner Marotten und menschlichen Schwächen.

Sicher gab es die verschiedensten Verhaltensmuster, um Widerspruch zum SED-Regime zu äußern. Es gab da eine breite Skala, deren differenzierte Aufarbeitung noch aussteht. Aber ausgerechnet Tübke seine hohe Intelligenz zum Vorwurf zu machen, um ihn zu diffamieren, ist kontraproduktiv. So nicht! Dann müssten doch wohl gleich alle Schriftsteller und Künstler, die sich der "Sklavensprache" bedienten, als systemkonform abgeurteilt werden. Da möchte ich auch mit verurteilt werden, lebenslänglich, wenn ich bitten darf!

Die mir sehr wichtige Behörde, der Frau Neubert vorsteht, hat meines Wissens nicht von einem Kommandoturm (also von höherer Warte) zu befinden, was und wer ausgestellt wird. Im Übrigen hätte ich das fragliche Blatt als Kurator für diese Landtagsausstellung überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Das wäre allenfalls diskutabel, aber nicht notwendig, in einer umfassenden Retrospektive. Tübke kann sich nicht mehr wehren. Ich tue es für ihn, auch für mich, erst recht für die Demokratie.

Im Übrigen darf es vielleicht erlaubt sein, daran zu erinnern, dass es etwelche Amtsinhaber und Würdenträger im Freistaat Thüringen gibt, die ganz im Gegensatz zu Tübke tatsächlich ausgesprochen systemkonform waren, in welcher Blockpartei auch immer.