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13.06.2007

Neugier auf anderer Leute Leben

von Sabine Wagner Ostthüringer Zeitung

Die Schauspielerin Jutta Hoffmann zu Gast auf Burg Ranis

Zum Auftakt der Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis am Donnerstag, 14. Juni, 19.30 Uhr, liest Schauspielerin Jutta Hoffmann aus den Tagebüchern der Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933-1973), die nach ihrer Veröffentlichung im Aufbau Verlag auch auf CD mit Jutta Hoffmann als Sprecherin erschienen sind. "Alles schmeckt nach Abschied" heißt der Abend in Anlehnung an Teil zwei der Reimann-Erinnerungen, in einer Fassung von Matthias Thalheim.
Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Brigitte Reimann erinnern?

Ich habe sie nie getroffen und ihren letzten Roman "Franziska Linkerhand" erst nach ihrem Tod gelesen. Frank Beyer und Wolfgang Kohlhaase wollten damals mit mir einen Film dazu machen. Es ist nichts daraus geworden, wir waren schon in Ungnade gefallen. Der Film ist dann 1981 erschienen unter dem Titel "Unser kurzes Leben" in der Regie von Lothar Warnecke mit Simone Frost in der Hauptrolle.

Sie haben einmal gesagt, die Bücher der Reimann werden bleiben, weil Sie wahr sind. Meinen Sie ihre Tagebücher oder ihre Romane und Erzählungen?

Vorrangig ihre Tagebücher. Ich kenne auch "Die Geschwister" oder "Ankunft im Alltag", war aber nicht so begeistert davon. "Franziska Linkerhand" fand ich spannend, vor allem die Frage, wie man für Leute so baut, dass sie sich in ihren Wohnungen auch zu Hause fühlen. Die Tagebücher sind für mich aber der Punkt auf dem i.

Weshalb?

Ich hatte immer den Eindruck, Brigitte Reimann war sich bewusst, dass ihre Tagebücher veröffentlicht werden könnten. Sie sind so privat wie möglich, aber eben auch Literatur.

Was hat Sie besonders beeindruckt?

Es sind vor allem die authentischen Nachrichten über die vergangene DDR. Spannend finde ich auch ihre Entwicklung von einer zutraulichen jungen Frau, die zunehmend kritischer sieht, was in der DDR passiert. Die mit Siegfried Pietschmann erst nach Hoyerswerda geht und der Idee folgt "Greif zur Feder, Kumpel", den Bitterfelder Weg so ernst nimmt, wie kaum einer neben ihr. Und die sich dann in ihren Büchern durchbeißt zu einer kontroversen Haltung gegenüber der Kultur- und Gesellschaftspolitik in diesem Land.

Können Sie das persönlich nachvollziehen?

Das kann ich total nachvollziehen. Hätte ich nicht schon sehr früh Heiner Müller kennen gelernt und erlebt, wie mit ihm und Tragelehn 1961 nach der Inszenierung von "Die Umsiedlerin" umgegangen wurde, wäre mein Erkenntnisweg vielleicht länger gewesen. So aber habe ich zeitig mitbekommen, wie nach dem Verbot der Inszenierung Tragelehn entlassen und in die Braunkohle nach Spremberg geschickt wurde. Und ich durfte es ja auch am eigenen Leib erfahren.

In welchem Zusammenhang?

1965 wurden elf Filme, fast die ganze Jahresproduktion der DEFA verboten. In meinem Fall war das "Karla" von Hermann Zschoche und Ulrich Plenzdorf, in dem ich die Hauptrolle der Karla Blum spiele, die am Erziehungsideal der DDR scheitert. Ich habe erleben müssen, wie ein schöner, total harmloser Film, 30 Jahre verbuddelt wurde, nicht verbrannt, das ist der Unterschied. Günther Ost hat den Film restauriert, neu geschnitten und zur Berlinale 2002 wurde er unter großem Jubel aufgeführt.

Können Sie sich vorstellen, dass die Tagebücher auch für Leser interessant sind, die nicht in der DDR gelebt haben?

Ich würde sehr darauf drängen. Was in der DDR passiert ist, geschieht in jeder Diktatur, überall auf der Welt. Und die unbändige Lust der Reimann auf Leben und ihre übergroße Sehnsucht nach Liebe haben ja nichts mit einem System zu tun. Außerdem lesen immer nur die, die neugierig sind auf anderer Leute Leben. Die anderen wissen ja schon alles.

Was lesen Sie zurzeit?

Neben Werner Bräunings "Rummelplatz" den Roman "Suite francaise" von Iréne Némirovsky. Darin erzählt die gebürtige Russin, die nach Frankreich emigriert und als Jüdin zum Katholizismus konvertiert, über die Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich 1940/42. Sie stirbt in Auschwitz. Ihre Töchter fliehen bis zur Befreiung von einem Versteck ins andere und retten in einem Koffer das Manuskript ihrer Mutter. Ein unglaublich berührendes Zeitdokument.