Presse - Details

 
18.06.2012

Neuer Lyrikband von Wulf Kirsten: Gespräch zaunüberwärts

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Der Landgänger Wulf Kirsten vor Schloss Ettersburg. Das Gelände des Ettersberges erkundet Kirsten schon seit vielen Jahren. Hier kennt er jeden Weg und jeden Stein. Foto: Marco Kneise

Nach über zehn Jahren legt Wulf Kirsten mit "fliehende ansicht" einen neuen Lyrikband vor Über 250 Gedichte aus 50 Jahren versammelte der Band "erdlebenbilder", der zum 70. Geburtstag von Wulf Kirsten 2004 im Ammann Verlag erschien.

Wer damals glaubte, das lyrische Werk des bodenständigen Weimarer Dichters sei abgeschlossen, irrte von Anfang an, denn Kirsten schrieb weiter und veröffentlichte in Anthologien und Zeitschriften.

Nun hat er erneut seine lyrischen Register gezogen und legt kurz vor seinem 78. Geburtstag seinen neuen Lyrikband "fliehende ansicht" vor. 60 Gedichte, chronologisch geordnet, entstanden ab 2005, wobei über die Hälfte der Gedichte im vergangenen Jahr geschrieben wurde, in einem beachtlichen Schub.

Nahtlos schließt sich diese Sammlung an den letzten Lyrikband "wettersturz" von 1999 an, der mit der Frage endete: "was ist das: poesie". Und Kirsten antwortete: "die hingabe ans wort, / das feuer, das in den worten brennt, / der stachel, der schmerzhaft einsticht, wohin er auch blindlings trifft. / die trauer aller dinge, auch / wenn sie gar kein gesicht haben [...]". Wulf Kirsten ist auch in den neuen Versen ganz bei sich geblieben, mit Ausflügen in die Welt seiner Kindheit in Sachsen, zurück zur Erde bei Meißen, ins Weimarer Land mit dem Ettersberg, Zeitreisen, die mit dem Titelgedicht "fliehende ansicht" beginnen, einer Bahnfahrt vorbei an Naumburg und Bad Kösen.

Hier trank Friedrich Nietzsche, Schüler im nahen Pforta, wohl schon mal ein Bier über den Durst. "jeder bahnhof, der vorbeifliegt, ist längst abgeschrieben, triste / angelegenheiten langhin verzettelt, / eine ruinöser als die andre [...]" - nicht die einzige kritische Bestandsaufnahme des Landgängers, der bewusst an Vergangenes erinnert und Verluste aufzeigt. Das Gedicht "zwei worte" steht als Beleg für die Leidenschaft des Wortsammlers, der Regionalsprache bewahrt, indem er sie ins Gedicht bringt.

Mit dem Blick auf den Ettersberg kommen seltsame Bezeichnungen ins Gedächtnis, trübetimpelig und bedript, die in keinem Duden stehen. Wulf Kirsten hat nie einen Grund gesehen, sein poetisches Programm, das auf freien Rhythmen und auf der Kleinschreibung basiert, nur die Eigennamen werden groß geschrieben, zu korrigieren. Der Ton in den Versen ist schärfer geworden, bissiger, sarkastischer, wenn es um Phrasendrescher und "Zwangsbeglücker" geht, um die Natur, die zum Relikt verkommt und die zerstörerischen Segnungen der globalen Welt. Ein Beispiel ist der über die Meere treibende Teppich aus Plastikmüll.

Dazwischen Gedichte aus dem Alltag und aus den Jahreszeiten zum stillen Innehalten ein Sonntagmorgen im Dezember, "windvertrieben eine perlmuttwolke" überm "libellentümpel" und die kleine Enkelin Johanna, die ihren Großvater über Liszt/Mozart aufklärt. Ein "gespräch zaunüberwärts", mit dem Nachbarn, einem arbeitslosen Hausmeister, der ohne "jedwedes salär" arbeitet. Zahlreiche Porträts erinnern an randständige, vergessene Dichter, wie Karl Schloß, Jude aus dem rheinhessischen Alzey, der in Auschwitz ermordet wurde, und den Thüringer Harald Gerlach (1940-2001). Letzterem wird in einem der schönsten Gedichte des Bandes gedacht: "Gleichberg im schneesturm".

Wer diese Gedichte liest, braucht Ruhe, um die Schwingungen, Töne und Bilder aufzunehmen. Martin Walser hat recht: "Die Kirsten-Sprache ist eine Sprache, in der man sich verproviantieren kann gegen Geschwindigkeit, Anpassung, Verlust."

Wulf Kirsten: "fliehende ansicht". Gedichte. S. Fischer Verlag. 80 Seiten, 16,99 Euro