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06.10.2005

Neue Thüringer Troika

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) ",Uns gibt´s eigentlich gar nicht´, sagt Gerhard Fahr. ,Wir sind kein Ort, nicht mal ein Ortsteil, uns hat man in den 70er Jahren eingemeindet und eine Adresse gegeben ...´" Der Nicht-Ort, der natürlich auch auf keiner Landkarte verzeichnet ist, heißt Böttelborn und gehört heute irgendwie zu Bad Berka. "Drei Wohnhäuser, Ställe, Lagerhallen, zwei Schäfereien. Es gibt hier mehr Tiere als Menschen."

Wer da lebt, der suche keinen Anschluss an die große Welt, konstatiert Annerose Kirchner in der Auftakt-Reportage zu ihrem Band "Traumzeit an der Geba" und sorgt dafür, dass jene, die dort ein Leben lang aushalten, von der Welt nicht gänzlich vergessen werden. Gerhard und Wally Fahr etwa, die sich eingerichtet haben "im schmalen Riegel sanft steigender Hügel, die aufs Plateau aus brüchigem Muschelkalk führen".

Existenzen am Rande

"Muschelkalk", so heißt auch die von Wulf Kirsten initiierte Edition Thüringer Autoren, deren jüngste drei Bände heute in Weimar präsentiert werden. Band 16 bis 18 der im Wartburg-Verlag erscheinenden, von ThüringenGas und dem Kultusministerium geförderten Reihe bringen Lyrik von Edgar Leidel (Saalfeld), die Briefe des Horaz in der Übersetzung von Christoph Schmitz-Scholemann (Weimar) und Thüringer Geschichten von Annerose Kirchner (Gera).

Kirchner (Jg. 1951) durchkämmt das Land nach randläufigen Biografien, fördert ungewöhnliche Schicksale zutage und zeigt die Porträtierten in ihrer landschaftlichen wie sozialen Ver- und Entwurzelung. Ihre sechs Prosatexte sind Grabungen im poetischen Sinne des Wortes, die mehr erzählen über die Bodenständigkeit alteingesessener und die Integrationsprobleme zugezogener Thüringer, als jede Chronik dies vermag. So ersteht z. B. ein 1973 wegen seiner Lage an der innerdeutschen Grenze geschleiftes Anwesen wieder aus der Erinnerung seiner einstigen Bewohner.

Die Autorin nimmt die Leute, die sie aufsucht, ernst, animiert sie zum Erzählen und tritt fast völlig hinter ihnen zurück. Dass sich Annerose Kirchner emotional so bedeckt hält, ist andererseits schade, denn dadurch rückt der reiche Erlebnisfundus leicht in den Bereich der Essayistik, wie Herausgeber Kai Agthe in seinem "Nachsatz" treffend bemerkt.

Rauschhaft emotional, bildlich überbordend und zumeist zügellos sind die Verse des 1975 in Saalfeld geborenen Edgar Leidel, dessen Wortkaskaden wie aus der Maschinenpistole abgefeuert anmuten. Mit dem Gedichtband "Elstern wie rostige Kalaschnikows" meldet sich eine Generation zu Wort, die weniger nach ihren Wurzeln, dafür aber nach dem Sinn und dem ureigenen Lebensgefühl sucht und sich vom Rand der Welt her definiert. Dabei glückt die eine oder andere Bestandsaufnahme, während vieles den Strom, wenn nicht gar den Bach hinunter geht. Präzision oder gar Versmaß sind Leidels Stärke nicht; man kann, was sich wie auseinanderfließende Prosa liest, gutwillig "Sound" nennen, so wie der Herausgeber es tut, das trifft aber mehr eine Stimmung, nicht den Kern.

Stimme des Weisen

Wieder ein anderes Temperament ist der von Köln nach Weimar übergesiedelte Jurist Christoph Schmitz-Scholemann (Jg. 1949), der mit der Stimme eines römischen Weisen zu uns spricht. Da ihn vorgefundene Übertragungen nicht befriedigten, übersetzte er die Briefe des Horaz´ (65 bis 8 v. Chr.) neu und fasste sie gleich noch in Prosa. Ein Essay aus des Übersetzers Feder leitet den Band ein, der sich nicht nur vergnüglich liest, sondern dem Leser auch historisches Rüstzeug liefert, um sich gegen die Gegenwart zu wappnen. Kostprobe? "... der Weise ist König der Könige, und vor allem ist er gesund - außer, er hat einen Schnupfen."

i Edgar Leidel: Elstern wie rostige Kalaschnikows. Gedichte, 68 S.; Annerose Kirchner: Traumzeit an der Geba. Geschichten aus Thüringen, 82 S.; "Cum ridere voles" - Wenn du Lust hast zu lachen, komm zu Besuch. Die Briefe des Horaz. Neu ins Deutsche übertragen von Christoph Schmitz-Scholemann, 84 S. Die Titel erschienen als Band 16 bis 18 der Edition Muschelkalk, hrsg. v. Kai Agthe im Auftrag der Literarischen Gesellschaft Thüringen, Wartburg-Verlag Weimar. Jeder Band kostet 11 Euro.

Buchpremiere: heute, 18 Uhr, Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar