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25.10.2002

Neue "Bilder" der Anna Seghers

von Frank Quilitzsch TLZ

Meininger Symposium über die Jahrhundert-Autorin

Meiningen. (tlz) "Um schreiben zu können", resümiert Christiane Zehl Romero in ihrer Biografie über Anna Seghers, "brauchte sie ?Bilder? aus der Wirklichkeit, der Kunst und ihrer Fantasie.
,Schrecklich ist es, ohne Bilder zu sein?." Das Werk der Seghers ist stark von Bildern der Mythologie und Kunst wie auch der Zeitgeschichte geprägt. Welche Bilder aber haben Literaturwissenschaftler und Leser heute von der Schriftstellerin und Jahrhundert-Autorin?
Ein neues "Bild" von Anna Seghers und ihrem Werk ist im Rahmen der Veranstaltungen um den 100. Geburtstag der Schriftstellerin im Jahr 2000 erkennbar geworden; es ist überwiegend frei von Vorurteilen, Einengungen und Verblendungen, wie sie noch bis in die 90er Jahre zu verzeichnen waren. Freilich gehen die Ansichten, was die Zeit nach der Rückkehr aus dem Exil und Anna Seghers' Position in der DDR betrifft, nach wie vor auseinander. Ein Grund, die 12. Jahrestagung der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz, die vom 31. Oktober bis 11. November in Meiningen stattfindet, dem Thema "Bilder von Anna Seghers im 20. und 21. Jahrhundert" zu widmen.
Im Mittelpunkt steht ein Symposium am 1. November, das sich mit dem Spannungsfeld Biografie und Erfahrung beschäftigt. Professor Lutz Niethammer von der Universität Jena will eingangs das kulturhistorische Umfeld im Deutschland des 20. Jahrhunderts umreißen und einen vergleichenden Blick auf die Entwicklungen in den Nachkriegsgesellschaften beider deutscher Staaten werfen.

Neue Erkenntnisse über die DDR-Jahre

Anschließend wird die Literaturwissenschaftlerin und Seghers-Spezialistin Professor Christiane Zehl Romero (Tufts-University Medford/ USA) die Schwerpunkte ihrer Seghers- Biografie erläutern, deren zweiter Band im Frühjahr im Berliner Aufbau-Verlag erscheint. Der Band beginnt mit der Rückkehr der Autorin aus dem Exil 1947 und enthält eine Reihe neuer Erkenntnisse über die privaten und politischen Bindungen der Seghers. Das Symposium fächert sich am Nachmittag in Arbeitsgruppen auf, in denen unterschiedliche, nicht vorwiegend literaturwissenschaftlich orientierte Zugänge zu Leben und Werk der Schriftstellerin aufgezeigt werden sollen - etwa über literarische Stadtführungen, eine Literaturgeschichte in Geschichten für Jugendliche oder über Fragen der Seghers- Rezeption in der Schule.
Weitere Veranstaltungen, wie die Aufführung des Dokumentarfilms "Ich bin in die Eiszeit geraten" des Fernsehjournalisten Wilhelm von Sternburg (31. Oktober, Theatermuseum, im Beisein des Filmautors) und eine Ausstellung von Grafiken, die Katharina Kretschmer zu Anna Seghers' posthum veröffentlichter Erzählung "Jans muss sterben" schuf (Eröffnung am 31.Oktober, Stadt- und Kreisbibliothek "Anna Seghers"), nähern sich der Metapher Bild aus anderer Perspektive. Die Seghers-Veranstaltungen enden am 2. November mit der Jahrestagung der 1991 als gesamtdeutscher gemeinnütziger Verein gegründeten Anna-Seghers-Gesellschaft.