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09.07.2013

Neue Lyrik von Döring: Der Dichter ruft, der Landtag lauscht

von Frank Quilitzsch OTZ

Hans-Jürgen Döring ist der Dichter unter den Thüringer Landtagspolitikern. Foto: Peter Michaelis

Heute stellt der Parlamentarier und Schriftsteller Hans-Jürgen Döring in Erfurt seinen zweiten Lyrikband vor.

Erfurt. Der Landtag ruft, und der Dichter kommt. Nein, der Dichter ist längst da, und die Abgeordneten sammeln sich um ihn. Wenn jener nämlich selber Abgeordneter ist, darf man dies getrost ein ungewöhnliches Ereignis nennen. Da öffnet sogar die sonst so kontrollierte Präsidentin weit ihr Herz: "Mir gefällt, dass die Texte große existenzielle Themen aufgreifen. Liebe und Tod, Glück und Unglück sowie das Schwinden der Jugend und das Heraufziehen des Alters", schwärmt Birgit Diezel (CDU).

Die Rede ist von dem Eichsfelder Parlamentarier, kultur- und medienpolitischen Sprecher der SPD Hans-Jürgen Döring , der heute Nachmittag in der Erfurter Politikarena sehr leise, nachdenkliche und verträumte Töne anschlagen wird. Döring, der seit 1990 dem Gremium des Freistaates angehört, stellt seinen zweiten Lyrikband vor. "Ins Meer gerufen" erscheint, mit filigranen Zeichnungen des in Heiligenstadt lebenden Werner Löwe, im quartus-Verlag, Bucha, und enthält den poetischen Ertrag der letzten vier Jahre.

In "theatrum mundi", seinem 2007 erschienenen ersten Bändchen, befinden sich 33 Gedichte. Diesmal sind es 44, was auch etwas über die anhaltende oder sich steigernde Produktivität des Lyrikers Döring sagt. "Steinchen werfen ins Wasser", heißt es im Titelgedicht, "bedachtsam warten, dass er/ das Meer befragen kann // Doch gibts kein Hakenschlagen zum Guten/ er allein wird wieder bluten/ hat verlassen, was er nie gewann".

Immer wieder ist von Rückzug und von der Sehnsucht nach Einsamkeit die Rede. Doch der Ruf geht nicht nur nach innen, er dringt auch nach draußen und beschwört den Widerstreit verschiedener Möglichkeiten zu leben. "Da will einer heraustreten aus den scheinbar unverrückbaren Koordinaten des Alltags, dem Mahlwerk gesellschaftlicher Strukturen, aus dem Sprachschrott und dem Wortgeklingel der Verheißungen", resümiert Martin Straub im Nachwort zu dem Band. Da sei ein Leiden an der Welt und an Verhältnissen, die den Menschen nicht zu seinem "Eigentlichen" kommen lassen.

Was ist für ihn, den verantwortungsbewussten Politiker und umtriebigen Versschöpfer Döring, das Eigentliche? Zwei Herzen schlagen in seiner Brust. Der Poet, der im Plenarsaal nicht zum Zuge kommt, sucht seine Freiräume und findet sie in lyrischen Fantasien, in Bilanzgedichten und Rollenspielen. Man weiß, dass Döring bei allen Gelegenheiten dichtet - im Zug, im Auto, auf Spaziergängen und - während des einen oder anderen in die Länge gezogenen Redebeitrags - wohl auch im Landtag. Dann fallen ihm Verse ein wie dieser: "Wenn der Mond kommt / geh in den Schnee". Er muss nicht aufstehen und den schlechten Redner brüskieren, es reicht ja, wenn sein Bewusstsein sich erhebt. Es gibt Leser, die bekommen angesichts dieses "Seufzers" einen feuchten Blick: "Tief unterm Meer / deiner Augen / ein sanfter Regen // Verschlepptes / Lavendelblau". Zurecht. Es ist einfach schön.

Hans-Jürgen Döring : Ins Meer gerufen. 44 Gedichte. Mit einem Nachwort von Martin Straub und Zeichnungen von Werner Löwe, quartus-Verlag, Bucha bei Jena, Die weiße Reihe, 66 S., 11.90 Euro