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21.06.2014

Nancy Hüngers Erinnerungsprosa über eine Kindheit am Katzentisch

von Martin Straub TLZ

Nancy Hünger lebt und schreibt in Erfurt. Foto: Marco Kneise

In der autobiografischen Erinnerungsprosa der letzten Jahre nimmt Nancy Hüngers Familienalbum eine Sonderstellung ein. Sie unterwirft die Erinnerungen nicht einer äußeren Folgerichtigkeit, mit der sie geschichtliche Verläufe in eins setzt und durcherzählt. Was da zur Sprache kommt, macht betroffen.

Wer kennt nicht die Familienalben mit ihren Bildern in Sepiabraun. Großeltern, Eltern und Kinder in Posen erstarrt. Weihnachten, Geburtstage, Familienfeste. Bitte lächeln, sagt der Fotograf und hält die goldenen Zeiten für die Nachkommen fest. In Nancy Hüngers Erinnerungen mit Bildern von Andreas Berner aber scheint eine andere Welt auf. "Wir sind golden, wir sind aus Blut" ist eben kein nostalgisches Familienalbum, sondern "eine abgründige, restlos desillusionierte Erzählung über Kinder, die ewig Kinder bleiben werden", heißt es im Vorspruch zum Band.

In der breit gefächerten autobiografisch grundierten Erinnerungsprosa der letzten Jahre nimmt Nancy Hüngers Familienalbum zweifellos eine Sonderstellung ein. Sie unterwirft die Erinnerungen nicht einer äußeren Folgerichtigkeit, mit der sie geschichtliche Verläufe und Lebensgeschichten in eins setzt und chronologisch durcherzählt. Was da zur Sprache kommt, macht betroffen. Es sind die Zwänge in einem Familienkäfig. Man meint sie zu kennen, die Katzentische, die "gerüschten" Kinder in den reinlichen Sonntagskleidern, die schwadronierenden Väter, die "einmal lange Haare hatten" und ihre Heldengeschichten, die ohnmächtigen Mütter, Ernst Moschs Blasmusik und die Stammtischparolen der Erwachsenen, die "natürlich am Erwachsenentisch" sitzen.

Nun ja, mag da einer sagen, was ist daran so neu. All diese Themen erhalten ihr besonderes Gewicht durch das "Wie" der Mitteilung. Nancy Hünger setzt nun mit äußerster Konsequenz ein Erzählen fort, das sie schon in dem zuvor erschienen Band "Halt dich fern" erprobt hat. Wohl wissend, dass Erinnerungen nicht als wohlfeile Wahrheiten ein für allemal als fertige Geschichten im Kopf feststehen, wohl aber, dass sich die Perspektiven mit wachsendem Abstand verändern. "Wir sehen die Felder nicht mehr, wir drehen uns um und rennen rückwärts, [...] wir sehen das Dorf verschwinden, das Dorf duckt sich ab, auch der Kirchturm versinkt langsam hinter dem Feld"..."

Und so legt sie die Erinnerungen in ihren unterschiedlichen Schichtungen und Häutungen frei. Was sie interessiert, sind die "unfrisierten, alltäglichen Gedanken", die wie "funkelnde akustische Schuppen kurz am Hirnhimmel glühen und allerlei Erkenntnis gaukeln, als begriffe man alles bzw. wäre man fähig, alles zu begreifen, als nähme die Geschichte Form an".

Die Erzählerin gebärdet sich nicht als allwissend, viel eher lässt sie erkennen, dass sie mit ihren Erinnerungen nicht fertig wird, weder jetzt im Akt des Erzählens als auch späterhin. Sie wird wohl kaum der Seghersschen Formel zustimmen, was erzählbar ist, ist überwunden, wohl eher nähert sie sich mit Skepsis dem Christa Wolfschen Duktus: Was überwunden werden soll, muss erzählt werden. Und so begreift sie das Erinnern als einen zeitlich unabgeschlossenen Vorgang. Er hat bei Nancy Hünger etwas Zwanghaftes, den man wie jene Büchse der Pandora immer wieder aufbrechen muss, auch wenn dann das Unheil über einen kommt.

Was da aber ohne Trennschärfe heraufbeschworen wird, ist eine oft traumhafte surreale Welt. "Weil sich die Zeiten ein wenig verschieben, überlappen, an den Enden unsauber versteppt sind." Es ist ein Collage-Verfahren, das sich auch in Andreas Berners Bildern zeigt. Was zu denken gibt, ist das immer wieder leitmotivisch anklingende Fazit. Man wird sich von seiner Herkunft nie befreien können. All das wird mit sprachlicher Finesse in unterschiedlichem Tempo in einem mündlichen Gestus suggestiv erzählt. Mal laut, mal leise flüsternd, mal sich überstürzend, manchmal verhalten, fast stockend. Innere Monologe wechseln mit Zwiegesprächen und gleiten dann in ein Selbstgespräch über, in dem es keinen Halten zu geben scheint. "Wir sind über 30 und stehen in unseren Kinderschühchen, stehen im Sonntagsstaat rauchend auf dem Schindanger, der eigentlich ein Garten ist, und ziehen Kreise in den Staub, denn hier ist unsere Sprache zu Ende, auf dem Schindanger muss man nämlich schweigen. HIER HERRSCHT TOTENRUHE, BITTESCHÖN."

Mit diesem Satz enden die Erinnerungen von Nancy Hünger. Zurück bleibt ein nachdenklicher und betroffener Leser mit dem Blick auf die eigene Mitgift, der dachte, er sei aus seinen Kinderschuhen heraus gewachsen, obwohl er immer noch Jeans trägt und nach dem Woher und Wohin fragt.

i Nancy Hünger: Wir sind golden, wir sind aus Blut. Ein Familienalbum. Mit Bildern von Andreas Berner, edition Azur, Dresden, 74 S., 19 Euro