Presse - Details

 
19.09.2014

Nachruf auf Schriftsteller Wolfgang Held: Glaubensfest in einer Zeit der Extreme

von Martin Straub TLZ

Wolfgang Held bei seiner letzten BuchpremiereFoto: Maik Schuck

Der Weimarer Autor Wolfgang Held ist 84-jährig gestorben

Weimar. Seine Reise- und Tagebücher, die Wolfgang Held anlässlich seines 84. Geburtstags am 17. Juli vorstellte, trugen für viele Leser den Charakter eines Vermächtnisses. Als der Weimarer Autor daraus öffentlich vortrug, war er bereits von schwerer Krankheit sichtlich gezeichnet. Nun ist Wolfgang Held, wie sein Lektor Ulrich Völkel gestern mitteilte, am Mittwochmorgen gestorben. Er führte ein künstlerisch reiches, tapferes Leben, das von politischen Fährnissen nicht unberührt blieb.

Wer denkt bei dem Buchtitel "Ich erinnere mich" nicht an den Spielfilm "Einer trage des anderen Last", den weltweit Millionen sahen. Als der Film 1988 in die Kinos kam, wusste man freilich nicht, dass Helds Drehbuch bereits 1974 vorlag und von Kulturfunktionären der SED abgeschmettert wurde. Dass der Genosse Wolfgang Held einen autobiographischen Stoff aus den frühen 50er Jahren vorlegte, der für Toleranz zwischen Marxisten und Christen warb, verstieß gegen das Dogma.

Das Szenario um den Volkspolizisten Josef Heiliger und den Vikar Hubertus Koschenz spielt in der abgelegenen Welt eines Lungensanatoriums. Nur hier war für den Realisten Held ein solches Miteinander lebbar. Ging doch die Partei mit scharfer Intoleranz gegen die Kirche, besonders gegen die Junge Gemeinde vor. Schon früh hatte Held die Schrift des Eisenacher Pfarrers Emil Fuchs "Der Marxismus im Lichte des Evangeliums" gelesen.

Doch dieses Gebot des Apostel Paulus an die Galater war für ihn nicht allein ein Filmtitel. Es war für ihn ein Lebensgebot. Wulf Kirsten erzählt über Wolfgang Held, dass er den Schriftstellerkollegen immer wieder geholfen hat - auch denen, die in der DDR in Ungnade gefallen sind und Außenseiter waren, wie etwa Harald Gerlach. Held sah dabei seine Jahre in der DDR selbstkritisch. 1990 entschuldigt er sich etwa bei Reiner Kunze mit den Sätzen: "Worte können Unrecht nicht auslöschen, doch sie sollten geeignet sein, Beschämung und Reue all jener Schriftsteller deutlich zu machen, die am 29. 10. 1976 ihre Hand zum Zeichen für einen Akt der Unterdrückung hoben." Es ging um den Ausschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband.

Vergebliche Suche nach Onkel Rudi

Wie kommt so einer zu solchen Prägungen? Held wurde in dieses "Zeitalter der Extreme" hineingeboren. Als die Amerikaner nach Weimar kamen, war er 15 Jahre alt. Der Vater, ein Büroangestellter, hatte 1933 seine Stellung verloren, weil er Sozialdemokrat war. Nach 1945 weigerte er sich in die SED einzutreten. Sein Onkel Rudi wurde als Kommunist von der Gestapo verhaftet und litt in Buchenwald. Der Mann der Tante gehörte als SS-Mann zur Wachmannschaft. Die Schwester der Mutter überlebte das KZ Ravensbrück. Der 15-jährige Wolfgang wanderte 1945 auf den Ettersberg, um den geliebten Onkel Rudi zu suchen - vergeblich. Sein Schicksal beschäftigt ihn bis in die letzten Lebensjahre. Später erinnert sich Held an jenen Tag: es war ein "Bild, so ungeheuerlich und grauenvoll, dass es sich mir bis ans Ende meiner Tage immer wieder quälend in die Träume drängen wird". Ein Häftling nahm den heulenden Jungen beiseite und schickte ihn mit dem Satz "Da sind Tränen nicht genug" auf den Heimweg.

Held stellt sich nach 1945 ganz in den Dienst der neuen Ordnung. 1948 meldet er sich freiwillig zur Volkspolizei. 1949 tritt er in die SED ein. Als Oberwachtmeister hilft er bei einem Jugendprojekt der FDJ für eine Fernwasserleitung zur Maxhütte Unterwellenborn. Er erkrankt an Tuberkulose. Auf all dem fußt die Geschichte um "Einer trage des anderen Last". Die frühe Ablehnung des Films muss in ihm ein Gefühl der Ohnmacht ausgelöst, aber auch eine kritische Sicht gefördert haben.

Helds Lebensweg war weder einfach noch konfliktfrei. Er liebte das Leben und war ein geselliger Mann. Er war auch ein leidenschaftlicher Tennisspieler. Dass er sich in den letzten Jahren zum Wanderer mausern sollte, verblüffte ihn selbst immer wieder. In über 50 Jahren hat Wolfgang Held fast 50 Werke veröffentlicht. Seine Kinder- und Jugendbücher sieht er gleichberechtigt neben denen für die erwachsenen Leser stehen.

"Auch ohne Gold und Lorbeerkranz"

Seine Bücherhelden gewinnen insofern aus der Lebenserfahrung ihres Autors, als sie immer mehr bedenken lernen, was der Alltag an Mut und Selbstüberwindung fordert. Bezeugt wird es durch das Tagebuch "Uns hat Gott verlassen" (2000). Das Buch über Markus und seine Frau Monika, die an Alzheimer erkrankte. Auch die Helden seiner Kinder- und Jugendbücher werden nicht vor Konflikten behütet. "... auch ohne Gold und Lorbeerkranz" heißt eine dieser Erzählungen, die 1983 erschien und 2003 neu aufgelegt wurde. Held zog damit den Zorn von DDR-Sportfunktionären auf sich.

Eines ist sicher: Held war und ist ein viel gesehener und gelesener Autor. Man denke an den Film und das Buch "Die gläserne Fackel" oder an den geschickt komponierten und spannenden Abenteuerroman "Das Licht der schwarzen Kerze". Wolfgang Held war ein unerschöpflicher Erzähler, er lebte auf, wenn er einen Gegenüber hatte.

Er konnte Stunde um Stunde von Walter Janka, von Luis Fürnberg und Bruno Apitz erzählen. Und es fehlten nicht Anekdoten über sein Wirken im literarischen Leben Thüringens nach der Wende - ein Kapitel für sich, über das nun andere erzählen werden. Und wie lebte er auf, als die Buchpremiere von "Ich erinnere mich" im Juli so viele Leser ins "Stellwerk" nach Weimar zog. Ganz gewiss, wir werden das eine oder andere Buch wieder zur Hand nehmen und uns an Wolfgang Held erinnern.