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12.01.2009

Nachrichten vom Taubenacker

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Fast wäre die schönste Errungenschaft in der Fülle der zu bilanzierenden Erfolge untergegangen: "Übrigens haben wir jetzt", erklärte Christoph Schmitz-Scholemann, der Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft Thüringen (LGT), "auch ein Harald-Gerlach-Stipendium. Der Schriftsteller Ingo Schulze hat das Kultusministerium erweckt." Das nach dem 2001 verstorbenen Dichter Harald Gerlach benannte Stipendium wird in diesem Jahr zum ersten Mal vergeben und ist mit 12 000 Euro dotiert. 2000 Euro spendet Ingo Schulze von seinem Thüringer Literaturpreis-Geld und 10 000 Euro legt der Freistaat drauf.
Bis Ende Februar soll unter den "hochqualifizierten" Bewerbern aus ganz Deutschland der erste Stipendiat ausgewählt werden, hieß es auf der Jahrestagung des mit 109 Mitgliedern stärksten Literaturvereins des Landes. Auf beinahe siebzig Veranstaltungen im Jahr 2008 - viele davon in Kooperation mit dem Lese-Zeichen e. V. und anderen engagierten Partnern - konnte man am Sonnabend zurückblicken. Herausgehoben seien der Beitrag zu den Thüringer Literatur- und Autorentagen, die Mitteldeutsche Lyriknacht, der Kinder-Schreibwettbewerb Thüringer Buchlöwe mit mehr als 500 Einsendungen, die Literatur-Lounge für Nachwuchsschriftsteller und das Dichtung mit Musik und Architektur vereinende Projekt "Wahlverwandtschaften".

Zur Einstimmung las der in Lauchröden bei Eisenach ansässige Lehrer Harry Weghenkel "Nachrichten vom Taubenacker". Die unter diesem Titel gesammelten selbstverfassten Oden und Sonette füllten einen der drei im vergangenen Jahr erschienenen Bände der Edition Muschelkalk. Für 2009 konnte Herausgeber Kai Agthe ein weiteres Jubiläum ankündigen: Band 30 ist dem Mitinitiator der Thüringen-Bibliothek Wulf Kirsten gewidmet, der am 21. Juni 75 Jahre alt wird. Kirsten wird die Seiten seiner Geburtstags-Edition mit Essays über seine Wahlheimat Thüringen füllen. Band 28 und 29 bringen als Neuerscheinungen eine Tschernobyl-Reportage von Landolf Scherzer und eine autobiografische Erzählung von Marie-Elisabeth Lüdde.

Leider ende 2010 der Sponsoren-Vertrag mit E.ON, teilte Agthe mit. Sollte es nicht gelingen, den Energielieferanten zu überzeugen, dass Überschüsse in Poesie am gewinnbringendsten angelegt sind, stünden die Fortsetzung der Reihe als auch der von E.ON dotierte Thüringer Literatur-Preis zur Disposition. Über eine Weiterführung des Literaturjournals "Palmbaum" werden in Kürze die Vorstände der Literarischen Gesellschaft und des Palmbaum e. V. beschließen. Ansonsten zeigen die Vorhaben für das neue Jahr - im Mittelpunkt stehen die zwölf Veranstaltungen des Zeitzeugen-Projekts zum 20. Jahrestag des Mauerfalls -, dass die in der LGT organisierten Literaten den Herausforderungen trotzen. Dichter leben schließlich immer in der Finanzkrise und produzieren dennoch.

! Heute, 19 Uhr, Eckermann-Buchhandlung in Weimar: Schriftsteller und Theologen als Kommunalpolitiker - mit Wulf Kirsten, Dietlind Steinhöfel und Pfarrer Christoph Victor (Auftakt der Gesprächsreihe "Abbruch, Umbruch, Aufbruch oder was?")