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28.05.2009

Nachdenken über eine Ostdeutsche Jugend

von Frank Quilitzsch TLZ

Nachdenken über eine Ostthüringer Jugend


Setzt für künftige Literaturstipendiaten hohe Maßstäbe: Der Schriftsteller Lutz Seiler bedankte sich gestern mit einer Lesung in der Staatskanzlei für die Auszeichnung. Foto: tlz/Michaelis

Erfurt. (tlz) Diese Auszeichnung trägt den Namen eines Schriftstellers, kommt einem Schriftsteller zugute und wird von einem Schriftsteller unterstützt: So darf man die Verleihung des "Harald-Gerlach-Literaturstipendiums" gestern in der Thüringer Staatskanzlei durchaus einen Akt der Unterstützung und Solidarität nennen. Erster Empfänger des mit 12 000 Euro dotierten Arbeitsstipendiums ist der in Gera geborene, heute als Leiter des Peter-Huchel-Hauses in Wilhelmshorst bei Berlin lebende Autor Lutz Seiler. Es wird ihm helfen, seinen geplanten Erzählungsband, der den schönen und rätselhaften Titel "Der Kapuzinerkuss" tragen soll, zu vollenden.
Seiler wurde von einer Fachjury unter 24 Vorschlägen ausgewählt. Dass der 45-jährige Ingeborg-Bachmann-Preisträger von 2007 erzählend seine Erfahrungen der 60er und 70er Jahre im Ostthüringischen zu verarbeiten sucht, verbindet ihn mit dem Namensgeber des Stipendiums, den 2001 verstorbenen Dichter Harald Gerlach, in dessen Lyrik, Prosa und Essayistik Thüringen als Schauplatz und geistiger Bezugspunkt - vor allem die Klassik - stets präsent ist. Und auch die Verbindung zu Ingo Schulze, dem Thüringer Literaturpreisträger von 2007, der sein gesamtes Preisgeld von 6000 Euro für das "Harald Gerlach"-Stipendium" gestiftet hat, ist evident: Schulzes Wende-Romane sind ebenfalls in Ostthüringen, genauer: im Umfeld von Altenburg angesiedelt. Jeweils 2000 Euro gehen an die Stipendiaten der Jahre 2009 bis 2011, und das Land gibt seinerseits 10 000 Euro dazu. Die Summe soll Autoren die Möglichkeit geben, kontinuierlich an einem Projekt zu arbeiten.

Der erste Preisträger setzt hohe Maßstäbe: Lutz Seilers Bücher sind vom Umfang her eher schmal, doch von einer beispielhaften poetischen Dichte. Dabei schreibe er eine wunderbar leichte Prosa, befand die Jury. Dass der Autor, der vor seinem Germanistikstudium erst seinen Baufacharbeiter machte, von den Erfahrungen als Maurer und Zimmermann profitiert, zeigt sich unter anderem in dem 1995 bei Suhrkamp erschienenen Gedichtband "pech & blende". Dort stiftet der Uran-Bergbau der Wismut bei Ronneburg den düster-atmosphärischen Hintergrund. "er hatte die halden bestiegen", heißt es im Titelgedicht, "die bergwelt gekannt, die raupenfahrt, das wasser, den schnaps / so rutschte er heimwärts, erfinder des abraums / wir hören es ticken, es ist die uhr, es ist / sein geiger zähler herz."

Das "Harald Gerlach"-Stipendium, so Thüringens Kultusminister Bernward Müller (CDU), stelle "eine wichtige Ergänzung bestehender Fördermöglichkeiten dar. Es soll Wertschätzung des bisherigen Schaffens der Stipendiaten und Ansporn für weitere kreative Leistungen sein." Ausdrücklich dankte er dem Autor Ingo Schulze für seine konstruktive Kritik und den Vorschlag, gemeinsam eine solche Förderung in die Wege zu leiten. Die Literarische Gesellschaft Thüringen darf für sich in Anspruch nehmen, mit dem von ihr angeregten "Harald Gerlach"-Stipendium das zumeist nur unter dem Signum der Klassik wahrgenommene Thüringer Land als einen Ort lebendigen literarischen Schaffens weithin bekannt zu machen.

27.05.2009 Von Frank Quilitzsch