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23.01.2014

Nach fast 60 Jahren zurück in Rudolstadt: Wolf Wondratschek liest

von Marcus Schulze Ostthüringer Zeitung

Sprache, Stimme, Charisma: Wolf Wondratschek während der Lesung. Foto: Marcus Schulze

Mit elf Monaten verließ Wolf Wondratschek Rudolstadt. Am Dienstag war er zum ersten Mal wieder in seiner Geburtsstadt.

Rudolstadt. "Heute ist alles zum ersten Mal", sagte Wolf Wondratschek gleich zu Beginn seiner Lesung am Dienstagabend in der fast ausverkauften Aula der Rudolstädter Bibliothek.

Zum einen wäre da der erste Schnee in diesem Jahr, zum anderen würde er zum ersten Mal in seinem Leben in einem Haus nächtigen, in dem auch schon Goethe verweilte - der Schriftsteller gastierte in jenem Hotel am Marktplatz, in dem der Dichterfürst 1817 einst schlief - und schließlich der Umstand, dass er an den biografischen Nullpunkt seines eigenen Koordinatensystems zurückkehre.

Denn seit der 1943 in Rudolstadt Geborene die Saalestadt im Alter von 11 Monaten mit seiner Familie verließ, war er nie wieder in selbiger gewesen. "Jetzt habt ihr mich endlich eingeladen", so Wondratschek mit einem Augenzwinkern, der an diesen Abend quasi den Heimkehrer gab und zudem von den Gefühlswallungen berichtete, die ihn während der Zugfahrt über Eisenach, Gotha und Jena ergriffen, je näher er Rudolstadt kam. Das umfangreiche kulturelle Erbe der Stadt sei ihm jedoch stets geläufig gewesen. Natürlich habe er keine bewussten Erinnerungen mehr an jene frühen Tage. Verständnisvolles Nicken im Publikum. "Das ist doch klar", so eine ältere Dame in der zweiten Reihe. Die ersten Zeilen seiner Lesung widmetet er dann jener Frau, die ihm einst das Leben in Schillers "heimlicher Geliebten" schenkte. Mit dem Gedicht "Für meine Mutter" (1980) eröffnete der Wahl-Wiener den literarischen Reigen, der da mit den Worten begann: "Aus Cézannes Äpfeln hätte sie Apfelmus gemacht - das alles beeindruckt sie nicht." Wie so oft bei Wondratschek traf hier formvollendete Poesie auf eine gewisse Bodenständigkeit. Gerade bei den Gedichten, aber auch seinen Erzählungen ("Die Dachstube der toten Elefantenohren", "Ich habe einen Traum"), breitete sich in der Aula der oftmals vom Feuilleton beschworene "Wondratschek-Sound" aus. Ein Rhythmus, der einerseits von den Worten, andererseits von der charismatischen Stimme des Schriftstellers getragen wird und die Zuhörer in seinen Bann zieht. So auch am Dienstag.

Des Weiteren gewährte er einen Einblick in Auftragsarbeiten, plauderte über seinen neuen Roman "Mittwoch", machte zudem aus seinem Standpunkt zum Thema Rauchen keinen Hehl ("Raucher sind die besseren Menschen") und erinnerte sich - leicht wehmütig - an die großzügigen 1970er-Jahre, als er für eine Zeitung fünf Monate in das Boxer-Milieu der New Yorker Bronx eintauchen durfte.

Dass Wondratschek, bei allem Künstlertum, eben kein Elfenbeinturm-Bewohner ist, wurde am Mittwoch deutlich, als er am Bratwurststand in der Innenstand zwanglos mit dem Verkäufer plauderte.