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14.08.2012

Nach der Verwandlung: Erwin Strittmatter zum 100.

von Frank Quilitzsch TLZ

Schuf sich seinen eigenen literarischen Kosmos: Erwin Strittmatter (1912-1994) vor seiner letzten Lesung in Weimar. Foto: Stache

Erwin Strittmatter ist von der Jakobskirche, in der er aus seinem noch druckfrischen dritten "Laden"-Band las, auf dem Weg zum Hotel "Russischer Hof". Der 80-Jährige hat die Schiebermütze schräg auf dem Kopf und setzt den Gehstock so schwungvoll auf den Boden, als wolle er sagen: "Hier bin ich, ein Lausitzer Gesell, auf Goetheschem Pflaster!" Man hat ihn, den zum "Volksschriftsteller" aufgestiegenen Bäckersohn, in Weimar fürstlich empfangen. Strittmatter ist mit seinen 20 Romanen und Prosabänden, die in viele Sprachen übersetzt wurden, auf dem Gipfel seines Ruhmes angekommen. Bald wird ihn die Verfilmung der "Laden"-Trilogie auch im Westen bekannt machen. Und doch, spürt man, ist er bei seinem letzten Weimar-Besuch mit sich nicht im Reinen. Im Interview nimmt er manches von dem zurück, woran er sein Leben lang geglaubt hatte. Zum Beispiel dass "die Welt zu befrieden" sei. Das glaube er heute nicht mehr, sagt er angesichts des Golfkriegs. "Ich glaube auch nicht mehr an die Vernunft. Das sind für mich alles Utopien geworden." Frühjahr 1997: Erwin Strittmatter ist seit drei Jahren tot. Auf dem Anwesen in Schulzenhof bei Gransee sorgt die Witwe, die Dichterin Eva Strittmatter, dafür, dass alles so bleibt, wie zu seinen Lebzeiten. Ich habe zu lange gezögert, die in Weimar ausgesprochene Einladung einzulösen, jetzt gehe ich im oberen Stock des Hauses durch verlassene, museale Zimmer. Auf dem Nachttisch liegt noch die Lektüre, nach der es den Krebskranken "vor der Verwandlung" - so hieß sein letztes Buch - verlangte: Babels "Tagebuch 1920", Haseks "Schwejk", Verse eines chinesischen Weisen. Ihr sei, als wäre er an einem Irrtum gestorben, sagt Eva Strittmatter, und es schwingt eine Menge Unerledigtes, Unausgesprochenes in dem kryptischen Satz. In der Küche wird sie deutlicher: "Unser Leben war oft grotesk und hatte manchmal kafkaeske Züge." Da seien zum Beispiel die Tagebücher, die er vor ihr versteckte. Erwin habe da "Geschichten" hineingeschrieben, weshalb man sein Tagebuch nur bedingt als "ein Dokument des tatsächlichen Lebens" betrachten könne. "Das, was ihn anging, Dinge, die tatsächlich geschehen sind, hat er meistens schon schreibend verändert." Sie spricht darüber, dass er sie mit anderen Frauen betrogen habe, und über die gemeinsamen Kinder, die beim Schreiben nicht stören durften. Doch zweifellos habe Erwin mit seiner Dichtung Schulzenhof "zu einem Ort in der Welt" gemacht. Eva Strittmatter überlegt, wie sie mit dem Nachlass umgehen soll, der, zum großen Teil noch ungesichtet, im Keller lagert. Dass darunter Briefe und andere Zeugnisse sind, die eine verborgene, dunkle Seite ihres verstorbenen Mannes ans Licht bringen würden, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand.

In Briefen legte er Zeugnis ab

Sommer 2012: Erwin Strittmatters 100. Geburtstag steht bevor, und seine Geburtsstadt Spremberg hat sich gegen eine Würdigung ihres Ehrenbürgers ausgesprochen. Auch in Bohsdorf, wo der Strittmatter-Verein den Laden der Eltern als Museum weiterführt, ist man verunsichert. Das Bild, das von dem beliebten und auflagenstärksten ostdeutschen Schriftsteller kursiert, muss korrigiert werden. Schon 1996 war bekannt geworden, dass sich der unangepasste Autor auf Gespräche mit der Stasi eingelassen hatte. Die wurden wegen "Unergiebigkeit" bald wieder eingestellt, und spätestens mit dem "Wundertäter" III geriet Strittmatter selbst ins Visier des DDR-Sicherheitsapparats. Mehr Staub wirbelte seine Kriegsvergangenheit auf. Werner Liersch hat herausgefunden, dass der angebliche Wehrmachtssoldat Erwin Strittmatter in Wahrheit dem Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 angehört hatte, das später der SS unterstellt und unter anderem zur Partisanenbekämpfung auf dem Balkan und in Griechenland eingesetzt wurde. War Strittmatter als Bataillonsschreiber auch unmittelbar an solchen Aktionen beteiligt? Nach Lektüre der Biografie, die die Historikerin Annette Leo - leider nicht ganz fertig geworden - zum Jubiläum verfasst hat, liegt diese Annahme nahe. In Briefen an seine Eltern schildert Strittmatter 1941 detailliert Vergeltungsaktionen, bei denen Dörfer geschleift und Bewohner als Geiseln erschossen wurden. Über die Eroberung des slowenischen Dorfes Drazgose teilt er mit: "Dann nahmen wir es endlich und brannten alles nieder." Er schildert, wie er sich beim Beutemachen hervortun konnte, zum Beispiel indem er die Pferde einfing, auf die dann die MGs geladen wurden - "das hat mich ganz und gar den Krieg vergessen lassen". Erwin Strittmatter, das belegen die Recherchen, ist zwar nie Mitglied der Waffen-SS gewesen, doch er hatte sich von Saalfeld aus bei ihr beworben - vergebens. Von seiner Gebirgsjäger-Vergangenheit wusste nicht einmal Eva Strittmatter, mit der er vier Jahrzehnte zusammengelebt hat und die inzwischen ebenfalls verstorben ist. Zweifellos war Erwin Strittmatter, der sich, um nach dem Krieg neu durchstarten zu können, in seinen Lebensläufen zum Antifaschisten und Deserteur stilisierte, in der NS-Zeit ein Mitläufer gewesen, und auch sein Wirken in der DDR muss mit der Kenntnis der Tagebücher und Briefe differenzierter betrachtet werden. Aber schmälert das Wissen um die Abgründe und Widersprüche der Person das künstlerische Werk? Eine Frage, die sich schon bei anderen Autoren gestellt hat - etwa bei Gottfried Benn, Gerhart Hauptmann oder Knut Hamsun.

Schuf sich seine poetische Welt

Erwin Strittmatter war ein manischer Schreiber und ein begnadeter Erzähler, ein Wahrheitssucher und Erfinder, ein Dränger und Verdränger, ein Charmeur und ein großer Egomane. Er hat mit seinen Romanen, Erzählungen und Natur-Prosaminiaturen einen einzigartigen poetischen Kosmos geschaffen, in dem sich die sogenannten "kleinen Leute" und, oft bis zur Karikatur verzerrt, Bonzen und Bürokraten wiederfinden. Den Preis für sein reiches Schaffen mussten andere mit bezahlen - seine drei Ehefrauen und, vor allem, seine Söhne. Auch darüber ist in der Biografie und in den Tagebüchern (siehe TLZ vom 21. 6. und 21. 7. 2012) zu lesen. Was also tun - den Jubilar feiern oder verdammen? Zu würdigen gibt es das literarische Lebenswerk des Erwin Strittmater, das man jetzt vielleicht mit anderen Augen liest. Es ist in der Debatte, und auch in Leos Recherchen, viel zu kurz gekommen. Mit dem Leben des Autors, der heute vor 100 Jahren geboren wurde, kann - nein, muss man sich kritisch auseinandersetzen. MDR-Figaro sendet am 14. August, 16-19 Uhr, ein Streitgespräch über den Schriftsteller