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01.07.2014

Nach dem Ärger zog das Lachen ein: Kaminer vor 250 Gästen in Schleiz

von Renate Klein Ostthüringer Zeitung

Ein fröhliches Publikum, in Regenumhänge gehüllt, auf dem Schleizer Bibliotheksvorplatz am Sonntag bei der Lesung von Wladimir Kaminer. Foto: Renate Klein

Ein Vorrat an Regenumhängen war die clevere Lösung bei einer etwas feuchten Lesung im Freien am Sonntagnachmittag bei der Gartenlesung vor der Schleizer Bibliothek.

Schleiz. Dass man in einer verantwortlichen Position ein dickes Fell und Durchhaltevermögen braucht, zeigte sich am Sonntagnachmittag bei der Gartenlesung vor der Schleizer Bibliothek.

Da es zwischen 15 und 16 Uhr anfing zu regnen, waren nicht wenige Besucher zur ­Wisentahalle gekommen. Ein Schild wies den Weg zum Park, wo am Einlass tüchtig gewettert wurde. Manch einer wollte sein Geld wiederhaben, aber das klappte nicht. Angestellte der Bibliothek und Stadtverwaltung gerieten kurzzeitig in Panik. Mit Handtüchern versuchten sie, die Sitze trocken zu reiben und aufgebrachte Gäste zu beruhigen. Jeder Besucher konnte sich für einen Euro einen Regenumhang kaufen, und so war man gut geschützt. Anette Feike von der Wisentahalle wurde heftig angefeindet, obwohl sie an der Situation völlig unschuldig war.

"Veranstalter ist die Stadt Schleiz, die Wisentahalle hat damit nichts zu tun. Wir haben uns entschlossen, bei der Open-Air-Variante zu bleiben, da der Wetterbericht ab 16 Uhr Trockenheit prognostizierte", sagte Bürgermeister Juergen K. Klimpke auf Nachfrage. Das bestätigte sich. Nach der Begrüßung klappten die Regenschirme zu. Da der Autor Wladimir Kaminer seinen Anschlusszug in Nürnberg verpasst hatte, tauchte er in letzter Minute auf. Er wurde mit Beifall empfangen und verschwand. Damit musste der Bürgermeister Zeit überbrücken, was ihm mit seiner Gitarre und dem Gesang von altem Volksliedgut gelang. Trotz in diesem Moment noch mieser Stimmung stimmte ein dürftiger Chor im Publikum ein.

Bereits nach den ersten Sätzen hatte der Bestsellerautor mit natürlichem Charme, dem Akzent seiner Stimme und dem unglaublichen Talent, aus Kleinigkeiten des Alltags humorvolle Anekdoten zu basteln, die Besucher in der Tasche. Etwa 250 Menschen aller Altersklassen hingen am Mund des Mannes, der durch seine "Russendisko" weltweit bekannt wurde. Wie gewohnt, ließ der aus Moskau stammende Autor das angekündigte Thema außen vor und las aus unveröffentlichten Texten. Der Verdacht lag nahe, dass Kaminer über Dinge philosophierte, die ihm im Zug von Nürnberg bis Hof gerade eingefallen waren. "Ich habe die letzte Nacht mit bayerischer Volksmusik verbracht. Jetzt fühl ich mich wie in einem Heimatfilm", gestand er nach der musikalischen Einführung. "Nur die Harten kommen in den Garten" machte er Mut.

Offensichtlich hatte ihn die Pubertät seiner eigenen Kinder angeregt, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Das Publikum wurde an bekannte Situationen in der eigenen Familie erinnert. Mit dem trockenen Wetter zog auch das Lachen in den Schleizer Schlosspark ein. Neben Pubertätsstorys erfuhr man etwas über die ersten Jeans in der Sowjetunion, die alleine stehen konnten, und über die russische Mentalität. "Niemand mag Putin. Sie mögen ihn nicht und wählen ihn trotzdem", so Kaminer. "Der Grund dafür ist, wir Russen wurden als Babys zu fest gewickelt", zeigte er sich überzeugt.

Wahrheit und Wahnsinn seien bei der Erziehung pubertierender Kinder kaum noch auseinanderzuhalten. "Und wenn wir Eltern mal zehn Tage im Ausland sind, dann machen die Kinder laut Telefon nur Schularbeiten. Aber die Katzen machen Unsinn. Sie trinken den Cognac aus, werfen die Pflanzen um und rauchen Zigarren", wunderte sich der Mann auf den Bibliothekstreppen. Viele Bücher musste er in der Pause signieren. Das Team vom "Boxenstopp" versorgte mit Kuchen, Kaffee, Getränken und herzhaften Kleinigkeiten. Zum Glück hielt das Wetter durch, und am Ende der Veranstaltung sah man doch noch sehr fröhliche Gesichter. Nicht zuletzt freute sich der Bürgermeister darüber, dass die Einweihung des Bibliotheksvorplatzes doch noch gelang. Renate Klein / 01.07.14 / OTZ