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05.05.2015

Nach 50 Jahren erscheint verbotener DDR-Roman von Siegfried Pitschmann

von Sabine Wagner Ostthüringer Zeitung

Kristina Stella, Herausgeberin des Briefwechsels zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann und des Pitschmann-Romans „Erziehung eines Helden“. Foto: Archiv Brigitte-Reimann-Begegnungsstätte Hoyerswerda

Am 15. Mai 2015, über 50 Jahre nach seiner Entstehung, erscheint im Verlag Aisthesis der einzige Roman des Schriftstellers Siegfried Pitschmann (1930-2002). In der DDR durfte er nicht publiziert werden.

Siegfried Pitschmann wäre in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden. Er wird als Meister der Kurzgeschichten verehrt, stand aber bis zu seinem Tod stets im Schatten seiner zweiten Frau, der Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933-1973).

1957, noch bevor der „Bitterfelder Weg“ DDR-Künstler in die Produktion delegierte, ging Pitschmann als Betonarbeiter auf die Großbaustelle des Kombinates „Schwarze Pumpe“ in die Lausitz. Damals entstand die Idee zu seinem Roman „Erziehung eines Helden“. Seine ehrliche Schilderung vom Alltag in der Produktion entsprach nicht dem gewünschten Bild von den „Helden der Arbeit“. Pitschmanns autobiografisch gefärbter Roman über einen Musiker, der in der Produktion das „wahre Leben“ kennenlernen möchte, wird vom DDR-Schriftstellerverband verrissen, Pitschmann unternimmt einen Selbstmordversuch. „Erziehung eines Helden“ bleibt unveröffentlicht.

Mehr als 50 Jahre später erscheint der einzige Roman Siegfried Pitschmanns posthum im Aisthesis Verlag. Herausgeberin ist die Bibliothekarin Kristina Stella, die bereits 2013 mit der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann für Aufsehen sorgte.

Frau Stella, wo haben Sie das Manuskript zu „Erziehung eines Helden“ entdeckt?
Im Siegfried-Pitschmann-Archiv, das sich als Dauerleihgabe im Literaturzentrum Neubrandenburg befindet. Bei den Vorarbeiten zum Briefwechselband „Wär schön gewesen!“ durchforstete ich das gesamte Pitschmann-Archiv auf der Suche nach weiteren Briefen. Dabei stieß ich zufällig auf das Roman-Manuskript und war begeistert. Es sollte nicht im Archiv verstauben, sondern die Menschen sollten es lesen.

Ist es tatsächlich das Originalmanuskript oder wurde es für die Veröffentlichung bearbeitet? Siegfried Pitschmann hat ja Teile aus „Erziehung eines Helden“ später als Erzählungen publiziert.
Es gibt zwei Kapitel des Romans, die eigenständig erschienen sind. „Neuling im Netz“ wurde in den Zeitschriften „Mühlhäuser Warte“ und im „Sonntag“ als Fortsetzungsroman abgedruckt. Das letzte Kapitel „ King Klaviers Etüde in Beton“ unter dem Titel „Beton“ in stark gekürzter und leicht veränderter Fassung in der „Volksstimme Burg“. Einen Auszug aus „Erziehung eines Helden“ gab es zudem in der Zeitschrift „Der Bau“. Ausführlich kann man das alles in meinen editorischen Notizen im Anhang des Romans nachlesen.

Siegfried Pitschmann war mehrfach verheiratet und hat aus diesen Ehen drei Kinder. Waren die Erben mit der Veröffentlichung des Romans sofort einverstanden?
Siegfried Pitschmann hatte ein sehr gutes Verhältnis zu seinen drei Kindern Thomas, Nora und David. Ich lernte sie während der Arbeiten zum Briefwechsel kennen. Sie wussten also, dass ich seriös arbeite. Pitschmanns Kinder haben sich darüber gefreut, dass das Buch kommt, und die Veröffentlichung von Anfang an unterstützt. Auch Pitsch- manns Witwe Undine.

Wie aktuell ist der Roman, der vor fünf Jahrzehnten faktisch verboten wurde? Und ist er jüngeren Lesern zugänglich?
Er ist brandaktuell. Deshalb, weil er der momentan verstärkt stattfindenden Aufarbeitung der Zensur der DDR-Literatur und -Kunst, der Hintergründe um Druckgenehmigungen, Verbote, Kürzungen und Umarbeitungen ein bislang unbekanntes Puzzleteil hinzufügt. Ich denke auch, gerade jüngere Leute sollten den Roman lesen mit Unterstützung von Eltern und Lehrern, eingebettet in die Zeit natürlich. Am besten kann man doch Geschichte verstehen, indem man liest, wie es damals war. Nicht erinnernd aus der Sicht von heute, sondern aus der Sicht von damals, von einem jungen Autor geschrieben, Ende zwanzig, der authentisch die Begeisterung und die Schwierigkeiten vermittelt, die der Aufbau der DDR mit sich brachte. Vielleicht können Jugendliche nach der Lektüre eines solchen Romans wie „Erziehung eines Helden“ – der Titel war natürlich ironisch gemeint –, besser verstehen, wie diese Euphorie entstand, der Wille, mit diesem Staat etwas Besonderes und Neues zu schaffen. Und warum es so bitter war, dass es nicht funktioniert hat.

Was wurde Siegfried Pitschmann seinerzeit vom Schriftstellerverband und der DDR-Führung vorgeworfen?
Die sogenannte harte Schreibweise, die sich junge Autoren angeblich von amerikanischen oder westdeutschen Schriftstellern abgeguckt hätten. Erwin Strittmacher sagte zum Beispiel, das Kombinat „Schwarze Pumpe werde „nicht nur von Radaubrüdern, Säufern, Glücksrittern und von solchen Arbeitern aufgebaut, die ihre Kräfte um der dicken Lohntüte willen verdoppeln und verdreifachen.“ Zudem kritisierte er, dass nackt und kalt über Vorgänge und Menschen geschrieben würde, als seien „die Arbeiter Maschinenteile, die zufällig auch denken können.“ Das Urteil wird dem Roman nicht gerecht. Siegfried Pitschmann hat offen und ehrlich vom Alltag der Bauarbeiter berichtet. Dass er die Wahrheit nicht umbog, wurde ihm zum Verhängnis. Nach seinem Selbstmordversuch schrieb Brigitte Reimann an Strittmatter. Der hat sich dann fair verhalten, bot Unterstützung an und half mit Geld. Von dem vernichtenden Urteil aber hat sich Siegfried Pitschmann nie erholt.

Sie beschäftigen sich seit längerer Zeit mit dem Schriftsteller. Was fasziniert sie an ihm?
Die Tatsache, dass er so unbekannt geblieben ist, obwohl er so gute Texte geschrieben hat. Und die Herausforderung, ob es nicht gelingen kann, das zu ändern. Ich bedaure sehr, ihn nicht mehr persönlich kennengelernt zu haben.

Ist Ihnen bekannt, ob es weitere bisher unveröffentlichte Manuskripte gibt? Ja. Wenn jetzt alle Pitschmann lesen und begeistert sind und mehr haben wollen, können wir bestimmt noch etwas hervorzaubern.