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29.11.2006

Mit Witz, Verve und Bierschaum

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) "... Ich begreife jetzt wohl, daß er hat sterben müssen. Wir sind noch nicht reif zu den ungeheuren Offenbarungen, die durch ihn zu uns gekommen wären ..." Dieser Nachruf aus einem Brief des Bruders Karl von Hardenberg an Ludwig Tieck beschließt den Epilog zu Gisela Krafts Roman "Planet Novalis" (Verlag Faber & Faber, Leipzig), der in sieben Episoden die letzten beiden Lebensjahre des Romantikers beleuchtet. Licht - inneres wie äußeres - spielt eine wichtige Rolle. Nicht der Schimmer des Mondes, wie das Caspar David Friedrich-Motiv auf dem Schutzumschlag weismachen will. Es lohnt, dieses Klischee bei der Lektüre abzustreifen, schon um die auf den Buchdeckel gedruckten Stammbäume der Figuren freizulegen. Mit Rembrandtscher Technik arbeitet die Autorin das Wesen der zwischen dritter Person und Ich-Erzähler changierenden Titelgestalt heraus.
Im Zentrum des abschließenden Bandes von Gisela Krafts Novalis-Trilogie steht die Spannung zwischen dem Naturwissenschaftler und Poeten Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. Die Weimarpreisträgerin folgt ihrem Helden nach Grüningen, Artern, Freiberg, Giebichenstein, Batzdorf bis an seinen Sterbeort Weißenfels, mit kurzem Abstecher nach Dresden. Landschaft im Lichte der Tages- und Jahreszeit prägt die lyrische Stimmung, in der der mit 27 Jahren bereits vom Tod umschattete Salinenassessor und Dichter sich seines geistigen Standorts (aus auktorialer Erzählerperspektive zugleich ein kulturhistorischer) vergewissert. Gisela Kraft erweist sich als Meisterin des inneren Monologs wie auch des szenischen Sprechens. Mit Witz, Verve und Bierschaum lässt sie die junge Arterner Tafelrunde Umweltkritik am Umgang mit Unstrut und Saale üben und als Alternative technisch-soziale Utopien entwickeln. Ihr Novalis ist ein Zufrühgekommener, ein Mensch von höchster künstlerischer Begabung und praktischer Vernunft, der die Zeitalter über- und manches vom anbrechenden 19. Jahrhundert vorwegschaut.

Gisela Kraft wird heute in Weimar das Kapitel "Batzdorf bei Meißen. Totenhäuschen" lesen, in dem der Held ein halbes Jahr vor seinem Ende stille Einkehr hält.

! Heute, 20 Uhr, Thalia-Buchhandlung Weimar; Donnerstag, 19.30 Uhr, Rathaus in Artern