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17.06.2015

Mit Whiskey hielt Kultautor Harry Rowohlt seine Stimme geschmeidig

von Frank Quilitzsch Ostthüringer Zeitung

Er kam, las und rauchte: Der Autor, Schauspieler und Übersetzer Harry Rowohlt bei der „Erfurter Herbstlese“. Foto: Jens-Ulrich Koch

Am Montagabend, so wurde gestern bekannt, ist Harry Rowohlt nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren in Hamburg verstorben. Nicht nur in Thüringen wird man den Kultautor, Übersetzer und Schauspieler vermissen.

Erfurt/Jena/Gotha/Ranis. „Das war ja wirklich ein behagliches Nachtessen. Zu Hause habe ich mir im Supermarkt gleich als erstes sog. Kaiser-Sülze gekauft, sie hält aber keinem wie auch immer geartetem Vergleich mit der Schmiede-Sülze stand. Es war wunderschön bei Euch!“ Harry Rowohlt, der in seinem Brief vom 27. Juni 2000 diese Hymne auf die Thüringer Literatur- und Autorentage in Ranis verfasste, war nach der Lesung noch beim Schankwirt Hubert eingekehrt. Zuvor hatte er im Burgkeller gelesen, mehr als drei Stunden und bei nur vier Flaschen Bier, umlagert von 150 vergnügten Zuhörern.

Das ist nur eine von zahlreichen Anekdoten, die der Kult-Autor, Kolumnist, Übersetzer, Schauspieler und exzellente Vorleser uns Thüringern hinterlassen hat. Der Sohn des berühmten Verlegers Ernst Rowohlt war 15, als sein Vater starb. Er absolvierte beim Rowohlt-Verlag eine Lehre als Buchhändler, schlug aber eine Karriere als Verleger – immerhin erbte er 49 Prozent – aus und ging nach New York. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er eine Zeit lang als Werbetexter, ehe er sich als Übersetzer und Vorleser der von ihm aus dem Englischen übersetzten Werke einen Namen machte. Einem breiten Publikum wurde er später als obdachloser Harry in der TV-Serie „Lindenstraße“ bekannt. 20 Jahre lang spielte er die Figur des sympathischen Penners – in 193 Folgen.

„Mit Harry Rowohlt geht ein facettenreicher Tausendsassa von uns.“ So wie die Vorsitzende der Hamburger Autorenvereinigung, Sabine Witt, empfinden viele den Tod des beliebten „Zeit“-Kolumnisten als herben Verlust für die deutsche Literaturszene. Er war der erste Übersetzer, dessen Name mit auf dem Cover der Übersetzungen erschien. Legendär waren seine Einlassungen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ unter dem Titel „Pooh‘s Corner – Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand“, die er bis 2013 fortschrieb. Er habe ganz nebenbei „den Humor in unser Feuilleton getragen“, meinte der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. „Lindenstraße“-Produzent Hans W. Geißendörfer bezeichnete Harry Rowohlt als „unvergleichlich naiv, schlau, schlitzohrig, charmant, klug und intellektuell.“ Er sei Dichter, Lesekünstler und Selbstdarsteller in einem gewesen. „Er war kein Schauspieler mit Fremdtext, er war immer er selbst und schenkte dem Publikum mit jedem Blick, Wort oder stummen Lächeln sein Herz.“

Aus der Gewohnheit, seine Stimmbänder mit irischem Whiskey geschmeidig zu halten, machte Harry Rowohlt keinen Hehl. Nicht selten dauerten seine Lesungen fünf Stunden oder mehr, und der Verbrauch betrug dann schon mal eine Flasche oder mehr. „Schausaufen mit Betonung“ nannte er das mal. Aber das ging nicht ewig. Irgendwann, heißt es, diagnostizierte der Arzt bei ihm eine Nervenerkrankung. Seither war Alkohol fast tabu. 2009 nahm er die Lesungen wieder auf, die er nun „Betonung ohne Schausaufen“ nannte.

Rowohlt, der mit seiner Frau Ulla in Hamburg-Eppendorf lebte, wird auch als Hörbuchsprecher vielen in Erinnerung bleiben. So wurde er für sein Hörbuch „Pu der Bär“ ausgezeichnet, außerdem erhielt er den Sonderpreis des Deutschen Literaturpreises für sein Gesamtwerk. In den letzten zehn Jahren war der eigenwillige Autor beinahe Stammgast in thüringischen Gefilden gewesen. Er adelte nicht nur die Raniser Sülze, sondern begeisterte überall, wo er auftrat, sein Publikum mit der unnachahmlichen Art seines Vortrags. So bei der Erfurter Herbstlese, den Weimarer Lesarten, beim Jenaer Lesemarathon oder den erwähnten Literatur- und Autorentagen auf der Burg Ranis. Auch im Gothaer Ekhoftheater ist er in Erscheinung getreten.

Die Thüringer Leser werden das Original mit dem weißen Rauschebart und der Zigarette, das gern auch einmal einen Whiskey über den Bücherdurst trank, schmerzlich vermissen. Harrys Vermächtnis: „Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.“