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18.03.2008

Mit weicher Stimme Spannung hergestellt

von Karl-Hermann Röser Ostthüringer Zeitung

"Goethes letzte Reise in Ranis

Von Karl-Hermann Röser Ranis. Groß ist der Kreis der Besucher der Lesungen auf Burg Ranis ohnehin, aber überwältigend war er am Sonnabend zur Abschlussveranstaltung des Eröffnungstages des restaurierten Südflügels. Im mit knapp 170 Literaturinteressenten restlos besetzten Saal hatte man keine Geringere als die aus Thüringen stammende Schriftstellerin Sigrid Damm zu Gast. Ihr Bekanntheitsgrad ist groß, ihre Bücher über das Leben Schillers, über Cornelia Goethe oder über Goethe und seine Frau Christiane waren großartige Publikumserfolge. Kein Wunder also, dass Dr. Martin Straub in seinen Begrüßungsworten von einem "geheimen Wunsch sprach, der nunmehr mit der Lesung des im Herbst 2007 erschienenen Damm-Romans "Goethes letzte Reise in Erfüllung ging.
Mit viel Beifall wurde Damm vom erwartungsvollen Publikum begrüßt und der Funke sprang sofort über, als sie mit weicher Stimme den ersten Satz des Romans las: "Im August des Jahres 1831 entschließt sich Goethe zu einer Reise. Damit war die Spannung hergestellt, die in der folgenden Stunde nie abreißen sollte. Damm lässt den Leser spüren, was in dem 81-jährigen Goethe vorgeht, als er sieben Monate vor seinem Tod zu dieser Reise nach Ilmenau aufbricht - seiner letzten. Sie führt ihn in sein "thüringisches Arkadien, um das Gespräch mit der Erde zu führen; ein letztes Mal vielleicht. Es ist eine Reise eines inzwischen einsamen Menschen in die Vergangenheit, in die Erinnerung, aber auch eine Reise ins bewusste Abschiednehmen. Behutsam wählte Damm Passagen aus, die das Prägende in Goethes Leben widerspiegeln, wie seine Arbeit an seinem Hauptwerk, dem "Faust , für dessen Vollendung er sich selbst den Termin gesetzt hat: den 82. Geburtstag am 28. August 1831. Oder seine Reisen in die böhmischen Bäder, die Erinnerung an seine Christiane und sein Verhältnis zur Schnelllebigkeit seiner Zeit als der "größten Denkübung seines Lebens. So erhielt auch Goethes vielleicht berühmtestes und populärstes Gedicht "Über allen Gipfeln ist Ruh" durch die Schriftstellerin eine besonders feinfühlige Rezitation und interpretierende Würdigung. Die Zuhörer erlebten bewegt den Augenblick der Wiederbegegnung Goethes mit den wenigen Zeilen, die er mal an die Bretterwand des alten Jagdhauses auf dem Kickelhahn geschrieben hatte und die nun am Ende seines Lebens eine ganz andere Bedeutung für ihn gewannen.

Damm gelang es durch ihre Konzentration auf Wesentliches dem Publikum das nahe zu bringen, worum es in ihrem Buch geht, nämlich weniger die sechs Tage Ilmenau in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Altersjahre Goethes, Reflexionen über wichtige Lebensabschnitte, seine Denkweise und Gefühlswelt am Ende eines langen Lebens. Folgerichtig wählte sie auch einen Abschnitt aus, der auf eine längere Ausfahrt Goethes am letzten Tag seines Ilmenau-Aufenthaltes Bezug nimmt. "Was mag Goethe auf seiner stundenlangen Ausfahrt gedacht haben? Mit diesem Satz fing sie die Zuhörer ein, ebenso wie mit dem Blick auf das letzte Weihnachtsfest und die letzte Jahreswende mit den Enkeln.

Der lang anhaltende Beifall eines begeisterten Publikums galt beidem: dem Buch und der Art, wie es vorgestellt wurde.