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09.03.2012

Mit Lappland im Kopf und Rom vor Augen

von Ulrich Kaufmann TLZ

Im Frühjahr 1999 war Sigrid Damm dabei, sich in Schweden einzurichten. Mit ihren Söhnen Joachim und Tobias wollte sie an dem Band "Tage- und Nächtebücher aus Lappland" (erschienen 2002) arbeiten. In diese Pläne platzte das Angebot, die letzten Monate des alten Jahrtausends in Rom zu verbringen, in der Casa di Goethe. Zögerlich nahm sie das halbjährliche Stipendium an und begab sich gen Süden, in die Ewige Stadt. Auf den 10. August zurückblickend, heißt es: "Ich war nicht in Rom, ich war in Lappland. Ein Doppelleben? Nicht einmal das. Das Angeschaute fiel augenblicks in mir auf den Grund des Vergessens, von dem ich es erst jetzt, über ein Jahrzehnt später, wieder heraufhole." Damms italienische Reise hat nur auf den ersten Blick die Form eines Reisetagebuchs. Da die Autorin gedanklich im Norden weilte, notierte sie "Südliches" nur knapp. Ihr Italienerlebnis beschrieb sie - wie Goethe - erst aus zeitlicher Distanz. Das Buch mit dem elegischen Titel "Wohin mit mir", der für die Zerrissenheit der Autorin steht, wurde zu einem sehr persönlichen Bekenntnis. Zunächst fühlt sich die Erzählerin in dem römischen Milleniumsfieber unwohl. Sie findet keine Ruhe, Kleinigkeiten werden zum Problem. Nach wenigen Tagen denkt sie über den Abbruch der Reise nach. Es hilft der Erzählerin wenig, wenn sie bei Goethe liest: "Ich lebe nun hier mit einer Klarheit und Ruhe, von der ich lange kein Gefühl hatte." Dieses Goethe-Notat vom November 1786 konnte die unter der Hitze leidende Stipendiatin in ihren "Fluchtplänen" eher noch bestärken. Aufs Ganze gesehen erweist sich Goethes "Italienische Reise" als der Spannung erzeugende Untertext des Buches von Damm, die Goethe und sein Umfeld kennt wie kaum eine andere zeitgenössische Autorin. Das Buch erzählt davon, wie die Erzählerin in den Parks Bekanntschaften schließt, wie sie eine Freundin findet, eine deutsche Buchhändlerin. Keineswegs verdrängt Sigrid Damm ihre ostdeutsche Sozialisation, sie benennt ihre anfängliche "beschämende Unwissenheit, eine vollständige Leere". Zugleich erinnert sie daran, wie sie Westdeutschen von ihren frühen Reisen berichtete. "Wenn ich von den hellen Nächten in Leningrad, von Moskau, vom Balaton oder dem Schwarzen Meer erzählte: Schweigen. War das nicht auch die Welt? Die Teilung in Ost und West hatte also nicht nur für mich existiert." Nicht zum ersten Mal denkt Sigrid Damm über Goethes Sohn nach. Schon in den ersten Rom-Tagen sucht sie Augusts Grab auf und liest "Goethe Filius". "Nicht einmal sein Vorname. Der Sohn des Vaters eben ... Ich lege meine Rose auf sein Grab." So folgt sie immer wieder Goethes Spuren, vertraut den Tipps von Kennern und den Hinweisen aus Reiseführern. Erstaunlich genau und sensibel sind ihre zum Teil sehr umfangreichen Kunstbetrachtungen. Sigrid Damm recherchiert, wie man es von ihr gewohnt ist, so gründlich, dass man dieses Buch durchaus als Lektüre für Italienreisende empfehlen könnte.

Aber natürlich ist es kein Sachbuch, sondern eine sensible und sehr persönliche Reiseprosa. Die Autorin zeigt sich auch hier als politisch und sozial scharf beobachtender Mensch. Sie denkt über die Jugendarbeitslosigkeit in Italien nach, sieht mit Schrecken, wie oft Männer in der Öffentlichkeit Frauen belästigen. In ihrer Einsamkeit achtet Damm genau darauf, wie Paare miteinander umgehen. Ingeborg Bachmann, die 1973 in Rom zu Tode kam, wird für Sigrid Damm zu einer Schwester in der Isolation. "Ihre zunehmende literarische und persönliche Vereinsamung. Wird Rom, die Ewige Stadt zum Exilort?" In Italien trifft Damm den Komponisten Hans Werner Henze, der lange Bachmanns Partner war. Die offene epische Form lässt Raum für Exkurse und Rückblicke. Damm erinnert an ihre Hochzeitsreise nach Kuba (1964), denkt über Che Guevara nach, erinnert an ihren Mentor Fühmann und ihre Freunde Eva und Erwin Strittmatter. Aus der Heimat erfährt sie, dass ihr Buch "Christiane und Goethe" seit Wochen die Bestsellerlisten anführt. Trotz aller mehr oder weniger angenehmer Ablenkungen arbeitet sie im hektisch-heißen Rom an ihrem Buch über das unendlich weite und ruhige Lappland. Am Ende zieht Damm ein Fazit ihrer Reise: "Und plötzlich überströmt mich ein heißes Glücksgefühl. Der Süden ist in mir, ich kann ihn nach Norden mitnehmen."

Sigrid Damm: Wohin mit mir. Suhrkamp Verlag, Berlin, 288 S., 22.95 Euro.

 

Lesung mit Sigrid Damm am 21.6.2012, 20.00 Uhr auf Burg Ranis.