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16.06.2012

Mit Jenas Stadtschreiber unterwegs in der Straßenbahn

von Constanze Alt TLZ

Peter Wawerzinek, auch als Schriftsteller keine gewöhnliche Erscheinung, genießt seinen Gastaufenthalt in vollen wie auch in leeren Zügen. Foto: Axel Clemens

Der liebste Arbeitsplatz des Ingeborg-Bachmann-Preisträgers Peter Wawerzinek ist die Straßenbahn. Urplötzlich setzt der Fahrer jenen höflich-verständnisvollen Blick auf, den wohlerzogene Menschen annehmen, wenn sie sich überraschend und ohne eigenes Zutun in einer surreal-schrägen Situation wiederfinden. "Es ist schon ganz schön heiß hier, aber die Leute sitzen ja auch nicht den ganzen Tag in der Straßenbahn", hatte er den beiden an der Endhaltestelle in Jena-Ost in die Linie drei Zugestiegenen im Small Talk mitgeteilt. War er doch gerade gebeten worden, die Türen wieder zu öffnen, während die Bahn hier oben auf die Weiterfahrt wartet - und die Insassen bei dreißig Grad im Schatten über jeden Luftzug froh sind.

Seit dem Mittag unterwegs im Straßenbahnnetz

"Wir schon", hatte der bis dato Arglose sodann von dem männlichen Fahrgast zur Antwort bekommen. Dass das Gesicht des Fahrers nun Bände spricht, mag ihm keiner verübeln. Während in seinem Kopf wohl gerade Überlegungen dahingehend ablaufen, ob Menschen einen Hitzschlag kollektiv erleiden können, oder ob die zwei offenkundig Durchgeknallten aus einer Irrenanstalt in der Umgebung entlaufen seien, plappert der Fahrgast munter weiter. In einer Melange aus Berlinerisch und Ostseeküsten-Idiom lässt er den Angestellten des Jenaer Nahverkehrs nun wissen, dass er und seine Begleiterin seit dem Mittag unterwegs seien im Straßenbahnnetz des Saale-Städtchens.

Überraschenderweise scheint er gut informiert: Kommt auf das 111-jährige Bestehen der Jenaer Straßenbahn zu sprechen; auf neue - von ihm "windschlüpfrig" genannte - Modelle, die auf Jenaer Schienen zum Einsatz kommen sollen; auf eine Reportage über eine Jenaer Straßenbahnfahrerin, die der Mitteldeutsche Rundfunk gedreht hatte. Vor diesem Hintergrund plaudert nun auch der Fahrer unbefangener - nennt gar den Namen der Kollegin und erzählt, dass er noch mit den "Gothaer Modellen" hier in Jena gefahren sei, die seit Ende der fünfziger Jahre zum Einsatz kamen. Er wünscht noch einen schönen Tag, läuft einmal bis ans andere Ende der Bahn, die sich nun gen Lobeda aufmacht - sichtlich verwundert über den skurrilen Fahrgast.

Ein Verrückter durchaus, aber ein Irrer im klinischen Sinne ist er nicht, der Herr mit der eigentümlichen Affinität für stundenlange Straßenbahnfahrten. Auf dem Küchentisch seiner Interimsbleibe im Dachgeschoss der Villa Rosenthal findet sich ein Mitarbeiter-Ausweis von JenaKultur, dem zu entnehmen ist, dass dessen Inhaber am 28. September 1954 in Rostock geboren wurde, den Namen Peter Wawerzinek trägt - und gegenwärtig das Jenaer Stadtschreiberstipendium innehat. Seit Januar ist die leutselige, zugängliche und völlig uneitle Quasselstrippe, die sich finanziell zur Not noch als Jack-Nicholsen-Double durchschlagen könnte, in Jena unterwegs. Mit seiner Tochter, beispielsweise, durch die Studentenkneipen. Diese nämlich, erzählt Wawerzinek amüsiert, hätte sich in Venezuela verliebt - und zwar ausgerechnet in einen Berliner, der in Jena studiert.

Oder mit Petra, seiner Freundin, die in Berlin geblieben ist, ihn aber regelmäßig hier besucht. Ursprünglich sei jene Herzensdame "eine Erzgebirgsfrau" - und deren energisches Temperament passe eigentlich gar nicht zu einem "friedlichen Fischkopp" wie ihm. Sei es drum. Einen Kompagnon zur gelegentlichen Abendausgestaltung auswärts hat er in Simon Meienreis, Dramaturg und Autor am Theaterhaus, gefunden. Mit ihm, dem "Zornigen Engel", trank er öffentlich zu Himmelfahrt auf dem Theatervorplatz - zwar nur per Skype, weil er da in Venedig weilte, aber wen interessieren schon solche Details... Dass hinter der eloquenten Nervensäge und dem amüsanten Erzähler auch ein zerrissenes Herz und eine traumatisierte Seele stecken, das wissen jene, die Wawerzineks "Rabenliebe" gelesen haben. Für den Roman war der Schriftsteller aus dem Berliner Underground 2010 mit dem renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Darin arbeitet Wawerzinek Schreckliches auf: Einfach die Wohnungstür hinter ihren beiden kleinen Kindern geschlossen hatte jene Frau aus Rostock, jene biologische Mutter - und sich gen Westen aufgemacht. Das war 1956 gewesen. Aufgewachsen in diversen Heimen entlang der Ostseeküste, wächst sich das verhaltensauffällige Kleinkind, das im Alter von vier Jahren noch kein Wort sprach, zu einem Elfjährigen mit guten Schulnoten aus. Ungesehen - nur aufgrund der Zensuren - wird der Junge durch ein ältliches Lehrerehepaar adoptiert. Von jenen Adoptiveltern wird Peter Wawerzinek zeitlebens als von der "Adoptionsfamilie" sprechen. Auch hier nämlich war keine Liebe herauszuholen gewesen...

Neben dem Schreibtisch ist sein Arbeitsplatz gegenwärtig vor allem die Straßenbahn. Was Peter Wawerzinek nämlich vorrangig in Jena tut, ist - Straßenbahnfahren. Sein Interesse gilt den Geschichten hinter den Gesichtern zwischen Lobeda-West und Zwätzen, Jena-Ost und Winzerla.

Der Freund starb bei einem Unfall mit der Straßenbahn

"Ich mache das sehr gewissenhaft", verspricht er. Wawerzinek hat festgestellt, dass es einen Unterschied macht, ob man morgens um acht fährt, mittags oder abends. Wer fährt da? Leute auf dem Weg zur Arbeit? Oder von der Arbeit nach Hause? Oder gar Leute ohne Job, die so tun, als hätten sie noch Arbeit? "Ich nehme mir ein Buch mit und beobachte sie alle", sagt Wawerzinek. Und wer seine Texte kennt, der weiß, dass er ein hervorragender Beobachter und Analytiker ist.

In welcher Form er genau seine beim Straßenbahnfahren gewonnenen Eindrücke künstlerisch verarbeiten wird, das wird sich noch zeigen. Wawerzinek nämlich ist nicht nur in der Literatur im engeren Sinne zu Hause, sondern auch im Theater und Film. Auf die Schriftstellerei reduzieren lassen will er sich nicht.

"Bei Straßenbahnen hab ich immer noch ein blödes Gefühl", erzählt er, während wir an der Haltestelle "Felsenkeller" im Süden Jenas warten. "Mit einem Kumpel hab ich früher immer Modelleisenbahnen gebaut - da kam der Strom von den Schienen her. Jetzt muss ich mir jedes Mal vor Augen halten, dass das bei der Straßenbahn nicht so ist, und die Gleise nicht unter Strom stehen", sagt Peter Wawerzinek. Er kommt auf seinen 1990 verstorbenen Freund und Schriftstellerkollegen Matthias Baader Holst zu sprechen. "Der ist bei einem Straßenbahn-Unfall gestorben", erinnert er sich. Der Exzentriker, der tagsüber eine ausgewachsene Straßenverkehrsphobie gehabt hatte, habe die Angewohnheit gehabt, gern mal des Nachts mit einem alkoholischen Getränk in der Hand auf die Straße zu laufen. "Die Straßenbahn kam von hinten", erklärt Wawerzinek. "Er ist zur falschen Seite ausgewichen und in die Straßenbahn hineingefallen."

Die Linie drei nach Lobeda-West fährt ein. Im Inneren staut sich die Hitze. Der Bachmann-Preisträger zerrt an den schmalen Kippfenstern. Umsonst. "Die kriegt man nicht auf", ist von dem älteren Herren vis-à-vis zu erfahren. "Am besten man steigt zwischendurch immer mal aus", findet Wawerzinek, der sich den Konsum eines eiskalten Getränks an einem schattigen Plätzchen in den schönsten Farben ausmalt. Die beiden Männer kommen ins Schwatzen. Von dem älteren Herren ist zu erfahren, dass er im Stadtteil Winzerla lebt. "Ich war gerade beim Arzt und hab mich in die Röhre schieben lassen" - die Bilder habe er schon mit; auf den Befund warte er noch. Der Mann steigt aus, Wawerzinek fotografiert. Zunächst das den Verzehr von Pommes, Eis oder Getränken verbietende Symbolbild, dann die Haltegriffe.

"Ob hier schon einmal jemand ein totes Meerschwein durch die Schlaufe gesteckt hat?" überlegt er. Und kommt auf eine Flamme von vor zwanzig Jahren zu sprechen, die er unlängst in Klagenfurt in einer Straßenbahn wiedergetroffen hat. Damals habe er sie "verschmäht", weil er bereits Familie hatte, nun hatten sie sich wiedergetroffen, beide die Hände in den Halteschlaufen - und hintenan ihr Ehemann. Was für eine Symbolik!

Sein nächstes Buchprojekt wird ein "Trinkerroman"

Vorbei geht es an einer Haltestelle namens "Jenoptik", an der morgens immer viel los sei. Viele Schüler stiegen hier aus, hat der Schriftsteller beobachtet. "Ich kann übrigens sehr gut rückwärtsfahren, seit ich seitlich sitze", gibt er zu bedenken - als markiere diese Feststellung gleichsam eine Sternstunde der Philosophie. In Lobeda-West wartet noch nicht das ersehnte Kaltgetränk. Allerdings lässt der Anblick des "Kauflands" den Entschluss reifen, dass unbedingt eine Sonnenbrille her müsse. Entlang einer Mauer sind die vier Jahreszeiten als Landschaften gemalt. Den Winter passierend, überlegt Wawerzinek, dass es witzig wäre, einen Mann mit Bikini vor diesem Hintergrund zu fotografieren.

Die neue Sonnenbrille auf der Nase, steckt der Schriftsteller den Kopf hinein in das Stadtteilbüro, in dem er unlängst aus "Rabenliebe" gelesen hatte. Ob er mal auf die Toilette dürfe, er habe vor ein paar Wochen hier gelesen, fragt er in eine Versammlung hinein. Er darf. "Was sollte denn das? Ich meine, ich hab hier auch schon mal Zeitung gelesen", raunt ihm aber eine Frauenstimme hinterher. Mit Situationen wie dieser muss einer wohl leben, wenn er sich parallel zur Erfolgskurve nicht das erwartete Maß an Arroganz zulegt. Oder zumindest teure Klamotten - in Kombination mit einer adäquaten Selbstpräsentation als "Erfolgsschriftsteller". Wawerzinek ficht das nicht an, er hat seine "Straßenbahngeschichte der Gleise und Entgleisungen" im Hinterkopf und die Straßenbahnfahrt Richtung Winzerla im Visier. Seit Wochen schon wolle er in Burgau aussteigen - an dieser Strandkneipe am Wehr.

Gesagt, getan: Bei Bratwurst und Bier kommt er darauf zu sprechen, dass er als Kind gern Kapitän geworden wäre, und dass er mehrere Jahre lang als "Mitropa"-Kellner zwischen Leipzig und Binz unterwegs war. - Unterwegs sein, das muss er immer. Entsprechend darf wohl auch der Hang zum Straßenbahnfahren als Symptom chronischen Nomadentums gelten. "Was ich wirklich immer spannend finde, das sind die Obdachlosen, die mit einem Haufen Tüten Straßenbahn fahren und Selbstgespräche führen", sagt Wawerzinek. Immer stünden sie in der Nähe des Ausgangs, stellen ihre Tüten mal da, mal dort ab: "Die können gar nicht entspannen", findet er.  

Von der Station "Alte Burgauer Brücke" geht es mit der Linie eins, die an diesem Tag "einen wunderbaren Punker, der aussieht wie gemalt", mit sich führt, weiter ins Paradies. Etliche Biergärten und Straßenbahnstationen später findet die Odyssee auf Schienen ihr vorläufiges Ende in Anwesenheit mehrerer Gläser Cidre. Peter Wawerzineks nächstes großes Buchprojekt soll übrigens "ein Trinkerroman" werden. Ein Jahresstipendium wurde soeben bewilligt. Erachtete der Darmstädter Literaturfonds das Vorhaben doch als "gesellschaftlich relevant."

Zur Person

Peter Wawerzinek ist seit Januar Eduard-Rosenthal-Stipendiat für Literatur und Stadtschreiber von Jena. Von der Villa Rosenthal aus, in der er logiert, unternimmt er Streifzüge durch den Jenaer Alltag, am liebsten mit der Straßenbahn.

Der sonst in Berlin lebende Schriftsteller wurde 1954 unter dem Namen Peter Runkel in Rostock geboren. Seine Mutter hatte, als sie in den Westen ging, ihn und seine Schwester als Kleinkinder in der Wohnung zurückgelassen. So wuchs er zunächst in diversen Kinderheimen entlang der Ostseeküste auf und wurde später von einem Lehrerehepaar adoptiert.

Nach dem Abitur begann Wawerzinek eine Ausbildung zum Textilzeichner. Ein Studium an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee brach er ab. Er finanzierte sein Schreiben unter anderem durch Tätigkeiten als Briefträger oder Mitropa-Kellner. Sein Kindheitstrauma verarbeitet er in dem 2010 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten Roman "Rabenliebe". Weitere Buchveröffentlichungen: "Es war einmal... - Parodien zur DDR-Literatur" und "Nix" (beides 1990), "Das Kind, das ich war" (1994) und "Parodien. Wawerzineks Raubzüge durch die deutsche Literatur" (2011).