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30.04.2004

Mit Goethe durch das vom Krieg verwüstete Europa

von Kai Agthe Ostthüringer Zeitung

Hans Lucke stellt am 6. Mai um 19.30 Uhr sein Buch "Jud Goethe" auf Burg Ranis vor

Von Kai Agthe Ranis (OTZ). Zur letzten monatlichen Lesung vor den Thüringer Literatur- und Autorentagen liest Hans Lucke am 6. Mai auf Burg Ranis aus "Jud Goethe" und neuen literarischen Arbeiten. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr im Museum der Burg Ranis.Im Jahre 1997 erschien als dritter Band der seinerzeit von Wulf Kirsten herausgegebenen "Thüringer Bibliothek", die seit 2000 als "Edition Muschelkalk" im Weimarer Wartburg-Verlag fortgeführt wird, eine Erzählung von Hans Lucke mit dem ebenso seltsamen wie spannenden Titel "Jud Goethe". Die Idee, die der Geschichte zu Grunde liegt, ist schlicht genial. Hans Lucke erzählt in ihr mit "gewitzter, unersättlicher Fabulierlust" (Wulf Kirsten) von dem aus Böhmen gebürtigen und wegen seiner halbjüdischen Herkunft in Buchenwald inhaftierten Goethe-Forscher Wenzel Haschke, dem eine von ihm verfasste antinazistische Glosse über des Dichters unreine arische Handschrift im Dritten Reich das Leben rettet. Ein zwielichtiger SS-Offizier und vermeintlicher Goethe-Experte nimmt diesen satirischen Artikel für bare Münze und reist mit dem Buchenwald-Häftling durch das vom Krieg verwüstete Europa, um nach Zeugnissen zu fahnden, die Goethes angebliche jüdische Abstammung be- oder widerlegen. Klar ist, dass dieser Dr. Quandt, der mit seiner verquasten völkischen Arbeit über Goethe promoviert hat, die zur geheimen Reichssache aufgeblasene Recherche vor allem als "Druckposten" zu nutzen versteht, das heißt sich auf diese Weise der Front zu entziehen weiß.Auch Haschke hat bald den Dreh heraus und präsentiert Dr. Quant in geradezu Schwejkscher Manier stets auf Neue absurde Hypothesen, die Goethes angeblich jüdische Herkunft beweisen könnten - und ihm wieder ein paar Wochen des Überlebens garantieren. Doch wie erstaunt ist der so gerettete Böhme, als er feststellen muss, dass unmittelbar nach Kriegsende auch die Behörden in der Sowjetischen Besatzungszone seine Goethe-Glosse bierernst nehmen und nach Haschke sogleich als Nazi-Ideologen zu suchen beginnen...Mit "Jud Goethe", gewiss mit das Beste, was in den letzten Jahren im Freistaat an Kurzprosa erschienen ist, hatte sich Hans Lucke 1997 das schönste Geschenk zu seinem damals zu feiernden 70. Geburtstag bereitet. Der aus Dresden gebürtige und seit 1987 in Mellingen bei Weimar lebenden Autor war seit 1947 als Schauspieler in der ganzen DDR tätig. 1972 bis 1987 lebte Hans Lucke, der auch Kriminalromane und Sachbücher publizierte, als freischaffender Theaterregisseur am Rostocker Volkstheater und Schriftsteller in Zingst/Darß.